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Anne Pery : Was ich tue ist unmenschlich

Annäherung an eine fotografische Position

Was wir hier sehen, ist offenbar nicht das, was wir zu sehen glauben beziehungsweise zu sehen erhoffen. Die Fotografien der Französin Anne Pery geben zwar zu erkennen, daß es sich um Partien menschlicher Körperregionen handelt, doch von weitem betrachtet könnten es ebensogut bizarre Landschaften oder Fassaden sein. Die Aufsicht führt keineswegs zur Einsicht.

Eine derart radikale Fokussierung eines Ausschnittes der Wirklichkeit konfrontiert den Betrachter mit der Peripherie des Wirklichen: das Reale verschwimmt im Unkenntlichen, im Nicht-mehr-Erkennbaren dessen, was wir zu sehen meinen. Versuche der Lokalisierung, der Benennnung scheitern. Der Betrachter wird einem obskuren Zweifel ausgesetzt, ob das, was ist, wirklich das ist, was es ist. Ein erster Eindruck verweigert die Eindeutigkeit einer fotografischen Wiedergabe. Strukturen füllen - überfüllen den Bildraum, der maßlos Grautöne aufschwemmt, die sich schlagartig als Großaufnahmen von Gewebehügeln, Hautfeldern, Knochenkuppen und andererem entschleiern. Der Trugschluß, es handele sich um Strukturen, widerlegt ironischerweise Frank Stellas Diktum „What you see is what you see!“, da man versucht ist, diesen in riesiger Vergrößerung hervorquellenden Details des menschlichen Organismus gewisse Intimzonen zuzuschreiben. Fast schon erregt ersehnt man eine erotische Botschaft, die jedoch ausbleibt. Nur wir geben affektiv eine erotisierte Assoziation preis. Das photografische Objekt verschweigt den genauen Ort seiner Herkunft. Nach längerem Hinschauen kapituliert unser Sehen. Der Betrachter weiß lediglich, daß sein Bemühen, diesen Hautsequenzen, einen Namen zu geben, in einen Irrtum mündet. Das absurde Verlangen, zu erkennen, zu zergliedern und zu durchdringen, entlarvt unser anerzogenes Bestreben, für alles und jedes eine Zuordnung zu (er)finden.

Anne Pery bricht mit der Intention, die Momentaufnahme als flüchtiges Zugeständnis an das Erlebte, das Wahr-genommene zu bestätigen. Unser Körper, den wir zu kennen glauben, in dessen Haut wir leben, in dem wir uns aufhalten, dessen Oberfläche uns schützt, „aus der Haut zu fahren“, um uns kurz verlassen zu können, wird mittels Zoom in abstruse, verunstaltete Texturen „zerstückelt“. Attribute wie sexy und attraktiv versagen hier ebenso wie männlich oder weiblich. Jene Senken, Höhlen, Falten, Spalten und Flächen scheinen den Ort ihrer Bestimmung irgendwie verlassen zu haben. Sie exponieren sich losgelöst vom Kontext des Menschlichen. Deutungsschemata werden hinfällig, das Geschlechtliche verliert sich in einer trüben, kontrastlosen, fast unförmigen Materialität, die keinem Ideal mehr entspricht. Das zu unserer Identität Gehörende wird reduziert auf eine Augentäuschung. Der emotionale Appeal, die sinnliche Aura der Körpersphäre verwischt. Und je größer die Nähe des Betrachters zum Bild, um so stärker das Unbehagen, etwas Nicht-mehr-Menschliches zu entdecken. Die Oberfläche des Menschen suggeriert, genauso nichtssagend und desinformierend zu sein wie jene in das Korsett der Selbstkontrolle gezwängte Menschlichkeit, die der Offenbarung, der Hingabe, der Erotik nicht mehr fähig ist und der „Rückforderung des eigenen Körpers gegen die Macht“ - um mit Michel Foucault zu sprechen - stereotype Konzepte menschlicher Sexualität entgegenhält.

p.s Dieser Text ist ein Nachruf und wurde ins polnische und französische übersetzt, um in eine postume Gesamtausstellung in lyon integriert zu werden

berlin, 21/02/2004