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Reaching

Auch Frau muß sich auf einen leeren Himmel hin entwerfen, den zu bemalen ihr überlassen bleibt

Kolonförmig, fast blasenschwammig prall wie die Geschwüre der Wiener Pestsäule kragen Zehen, Finger und Gelenke aus den Bildern Cynthia Schwertsiks, die den den Zyklus “Reaching” zergliedern. Den Betrachter irritieren vor allem von der Standardposition abweichende Extremitäten - weibliche Arme, Hände, Füße.

Gliedmaßen, die einen erschauern lassen, die enorme Energien freisetzen, die Eindruck und zwar einen äußerst eindrücklichen hinterlassen und den Anspruch auf Grenzüberschreitung - aus der Sicht Cynthia Schwertsiks. Hier wird überschritten, was man gemeinhin von einer Frau nicht wünscht: Abstoßung der Immanenz, der passiven Gefühle, der Befindlichkeiten, der weiblichen Gefälligkeit. Sie verweigert sich, schöne Hülle zu sein, Mode, begehrte Nacktheit. Hier ist Schluß mit sekundärer, leidenserprobter Permanenz. Hier tritt der Wille, nicht länger das zu sein, was man bereit ist, sich unter einer Frau vorzustellen, förmlich aus dem Rahmen. Die Füße treten, die Hände greifen, der Kopf stößt. Man fühlt sich ergriffen, vor den Kopf gestoßen und auf den Schlips getreten.

Wohlwollen vor diesen Bildern ist so wenig angebracht wie die Affirmation einer zur Schau gestellten Wollust am Eigenen, am eigenen Körper, am Selbst, am weiblichen Ich. Das weibliche Ich gesteht sich hier überbordende Lust am explicit Nichtweiblichen: es will weder sanft, noch schön, weder sexy, adrett, kokett noch zurechtgemacht sein. Es greift an, um auf diese Weise seine Transzendenz zu proklamieren. Sein Recht auf die Transzendenz. Eine Überschreitung der Konvention, eine Frau aus der Sicht des Mannes zu sein: handlich, verrucht, zurückhaltend, herausgeputzt, Täubchen oder Wildkatze, was auch immer.

Das Subjekt setzt sich vermittels seiner Lebensentwürfe als Transzendenz. Ein Objekt dient. Es kann sich nicht als Subjekt verwirklichen, befreien, gestalten, weil es sich nicht überschreitet. Frauen müssen sich das Recht, als Subjekte wahr genommen zu werden, immer wieder gegen den Willen und die Erwartungshaltung ihrer Betrachter, sowohl des männlichen als auch des genormten weiblichen Betrachters erkämpfen. Und deshalb beginnt Cynthia Schwertsik mit einem üppigen, frontalen Ausfall der Gliedmaßen. Sie transzendiert ihre faktische Größe, sie transzendiert ihre Funktion, die Gliedmaßen fordern heraus. Aber was da herausstrebt, hinaus will ins Unbekannte, in die offene Zukunft, ins Frausein, ist nicht mehr unversehrt. Es ist gebogen, geschwollen, segmentiert und überladen wie der Wiener Barock, wie die Wiener Pestsäule, die oben Engel erscheinen lassen und unten Geschwüre blubbern läßt.

«Vielleicht ist es ja so, dass ich gar nicht mehr merke, wie ich vom Wienerischen gefüttert werde - von der barocken Trägheit einerseits & der negativ (unmännlichen) Angefressenheit andererseits - vielleicht verbrauchen wir unsere gesamte Energie mit Kompensation & merken gar nicht mehr wie uns die langsame Pest auffrisst?” (C.S.)
Wessen Energie? Der Frau? Des Frauseins? Beantwortet wird diese Frage nicht von der Reaching-Serie, aber daß sie die geballte Energie einer weiblichen Position ins Wahrnehmbare stößt, wird sichtbar und damit entblößt Cynthia Schwertsik nicht nur ihre eigene, nur von ihr selbst begriffene Volenté : sich selbst zu wollen ohne Rücksicht auf den männlichen Blick.

Denn auch Frau muß sich auf einen leeren Himmel hin entwerfen, den zu bemalen ihr überlassen bleibt.


Wien, 9/05/11