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Soziale Konfusion

Mit der Jugend ist es wie mit Zahnpasta: Wenn sie erst mal raus ist, bekommt man sie nicht mehr rein

Die first-class-Zertifikation für den Einstieg in die Finanzwelt hat Lucien N.an einer der führenden Business Schools Frankreichs erworben, dementsprechende Gebühren hat er auch gezahlt, den halben Studienbetrag davon konnte er sofort ausgleichen, die Anwendung des CPE [Erstanstellungsvertrag] wäre für ihn als Top-Ten-Absolvent und 22-jährigem Führungskader nie zur Disposition gestanden, nicht einmal der CNE der sogenannte «Neueinstellungsvertrag», den die französische Regierung per Dekret am 2. August 2005 verabschieden konnte. Lucien N.‘s Aufstiegschancen standen also unter einem sehr günstigen Stern. Trotzdem ist der junge Ökonom ausgestiegen. Er hat nicht nur die Klamotten gewechselt, er hat die Bürowelt gegen den Asphalt eingetauscht. Warum? Lief es nicht prima? Lebt es sich unbehaglich im Getriebe der Wirtschaft?

Im November vergangenen Jahres probten die Kids der Banlieus den brennenden Aufstand, nun versuchen die Anwärter der akademischen Grade die Rücknahme eines Gesetzes zu erzwingen, das ihnen bei der ersten Anstellung den Kündigungsschutz verwehrt, in Folge dessen der CPE als befristeter Schleudersitz in die soziale Verunsicherung einzustufen ist. Und deshalb muß der CPE unterbunden werden - koste was es wolle. Hierzulande hätte es vielleicht ein paar Krümeldemonstration gegeben, vielleicht auch nur ein achselzuckendes ‚Kündigungsschutz? Ich hab ja nicht mal ‘ne Anstellung?“, aber keine Massenstreiks. In Frankreich gehört das zur „Culture“, denn nichts erhebt das nationale Gefühl so sehr wie eine ‚the business as usual‘ lahmlegende Protestwelle, bei der sich die Bürger als soziale Bewegung fühlen können. Die Bürger erster Klasse natürlich, die veritablen Franzosen, nicht die adoptierten, die in den Problemzonen leben. Die sind bei diesen karnevalesken Straßenumzügen nicht so gern gesehen, weil sonst gleiche Berufschancen für alle reklamiert werden müßten, auch für die Unter-Schicht. Nichts desto trotz kommentiert ein Rap-Song, eine Vorstadt-Hymne, das Lebensgefühl der jungen Bildungselite ‚und die einzige Sachbeschädigung der Demonstranten sind Filzstift-Graffiti auf Schaufensterscheiben, die eher Sinn für Komik als für Klassenkampf erkennen lassen: »Mit der Jugend ist es wie mit Zahnpasta: Wenn sie erst mal raus ist, bekommt man sie nicht mehr rein.«‘ Deshalb finden wir Lucien N. in den Reihen der streikenden Studenten wieder. Wenn die Jugend erst mal raus ist, kriegt man sie nicht wieder rein. Klingt abstrus, macht aber Sinn. Die Ausreizung des zivilen Widerstandes gehört zu den vornehmsten Beschäftigungen des notorisch zukunftsfürchtigen Franzosen, der mitregieren will. Staatliche Regulierung findet auf der Straße statt, das haben die Premiers im Élysée-Palais immer wieder zu spüren bekommen, denn bislang flogen sie nach jeder Panne vor die Tür. Daß Villepin, der Premier, bis auf weiteres bleiben darf, grenzt an einen Faux pas. Daß Lucien N. sich in den Reihen der Besitzständler von morgen aufhält, grenzt auch an einen Faux pas, denn er hat ja seinen Platz an der Sonne zurückgegeben. Aber hier geht es um den Platz an der Sonne, jeder Streikwelle geht es im Grunde genommen um den Erhalt sonniger Lebensaussichten. Die vollverdienende Klasse demonstriert mit der noch nicht vollverdienenden Nachkommenschaft gegen die Aushöhlung des Arbeitsrechts, für den Erhalt ihrer Errungenschaften und: ihrer Privilegien. Das darf nicht übersehen werden, französische Lebensart wird zu einem Drittel vom Staat und dessen Partnereinrichtungen finanziert: das ergibt 8,5 Millionen Arbeitsplätze, die wegen ihrer überdurchschnittlichen Einkommen zu den begehrtesten im Lande gehören und obendrein darf man als Staatsdiener noch volles Streikrecht genießen, yuppi, da verkommt jede Reformprofilierung zur Farce. Und die Kriegsbemalung der Streikteilnehmer, genauer gesagt die Lippenstift-Bemalung, demonstriert auch eine clowneske Körperschmiere der Identität. Wird die Stempel-Attitüde von morgen hier schon vorweg genommen? Sage mir, welchen Abschluß du hast, und ich sage dir, wer du bist? Nun, an der Schminke scheinen alle Spaß zu haben, Studenten wie Gewerkschafter, die sich voller Anstand mit den Zukunftsängsten der Studenten solidarisieren, denn indem man ihnen unter die Arme greift, versichert man sich auch der eigenen Interessen. Le Monde kommentierte den gemeinsamen Aufmarsch von Bedrohten und Behüteten mit folgenden Worten: »Die Outsider demonstrieren mit den Insidern, die Opfer mit den Verantwortlichen: was für eine Konfusion.« Es herrscht also Wirrtum. Die Studenten, die für die Besitzstandswahrung ihrer Erzeuger demonstrieren und die Besitzstandswahrer, die für die Karrieren ihrer Sprößlinge mitdemonstrieren. Aber hat Lucien N. die ihm in Aussicht gestellte Manager-Karriere nicht abgebrochen? Demonstriert er, ohne es zu wissen, für die Ausrufung eines sozialen Unbehagens an einer implodierenden Gesellschaft? Gegen soziale Verhärtungen, gegen Status, gegen Karriere im herkömmlichen Sinne? Anti-CPE-Aufkleber zieren seine Bekleidung nicht. Ihm mißfallen auch die Anti-CPE-Bemalungen. Es wirkt irgendwie entstellt, aber ihm mißfallen auch diese Kapuzen, die plötzlich massenhaft und hemmungslos in Erscheinung treten. Es sind die Casseurs (Zerstörer) bzw. Dépouilleurs (Plünderer), die unerwünschten Kids aus den Banlieus, die ihren Haß nun an den gleichaltrigen Statusanwärtern auslassen: Schaufenster werden zerschlagen, Geschäfte geplündert, Studenten ausgeraubt und niedergetrampelt, Mülltonnen und Edelkarossen gehen in Flammen auf. Und noch bevor die CRS, die mobile Garde, eingreift, sind die 2000 Vorstadtjugendlichen wieder verschwunden, zurück-bleiben bleiben völlig verängstigte Studenten und paralysierte Fotografen. Das hat es noch nie gegeben. Brandanschläge auf weiße Gesichter, Lynchjustiz gegen die weißen Franzosen, derartige Szenen sind neu. Was ist hier los?

Ich entsinne mich der prekären Phrophezeiung eines Freundes, der, nachdem im November 2005 der Ausnahmezustand über die Banlieus verhängt worden war, darauf hinwies, daß der harte Kern der Banlieu-Kids sich organisieren wird, um zu verletzen, was sie verletzt: die Verachtung, die Herabsetzung und Identitätsberaubung durch die veritablen Franzosen. Wir konnten uns beide nichts darunter vorstellen, aber die Massakrierungen auf dem Pariser Place des Invalides am 23.März 2006 sind symptomatisch für die neue Qualität einer Gewaltspirale, die die soziale Konfusion zuspitzen wird. Und den Ultra-Rechten kann das nur recht sein, weil sie den Farbigen Rassismus vorwerfen können und den Studenten Widerstand gegen die öffentliche Ordnung, denn nun greifen die Einsatzkräfte an. Ihre Order lautet, jeden einsammeln, der sich in ihrer Nähe aufhält. Die Wannen füllen sich mit Proforma-Verdächtigen. Die Studenten verstehen die Welt nicht mehr. Lucien N. verspürt noch weniger Lust, diesem Staat seine Jugend zu opfern und er wird sich trotz Handyverlust und Mp3-Player-Diebstahl, den wilden Demonstrationen, den „manif sauvage“, anschließen, die nachts durch die Straßen ziehen und den Bürgern den Schlaf vergällen mit der Parole: »Paris! Debout! Réveille toi!« , wobei auch hier die Schaufenster einiger Maklerbüros, Banken und Shareholderoffices zu Bruch gehen. Vielleicht wird sich das Unbehagen der einen mit dem Haß der anderen verbünden, um das untrügliche Gespür für die viel größere Schweinerei, die Selbstbereicherung einiger weniger zu Lasten aller, zu artikulieren. Deswegen hat Lucien N. seine Karriere geschmissen. Aber die Konklusion, Bildungsschicht und Bildungsabschaum in einem Boot, hat es noch nie gegeben, obwohl Lucien N. davon träumt.

In: Tortur 03/2005, hrg. von Bert Papenfuß