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Konzentrische Sehnsucht

Die Schweizer Compagnie Loutop verhandelt den Un-Sinn der Bindung

"Attache" heißt das Stück. Das meint: festmachen, befestigen, anbringen, fesseln, verschnüren, verknüpfen, summa summarum: binden. Sich binden. Junge will Mädchen und umgekehrt. Schlußendlich stehen sie im Kreis, im Rad, nach vielen Fehlgriffen und Verlusten. Er hat eine Stunde lang der Quadratur des Kreises akrobatisch auf den Zahn gefühlt, sie den Verwicklungen des Angezogenseins. "Unermüdlich, mit verzweifelter Gestik und Mimik, sucht sie den Kontakt zur Welt außerhalb der Bühne, und ebenso unerbittlich wird sie immer wieder zurückgezogen, eingesponnen, gehindert", schrieb die Märkische Allgemeine. Unablässig wird das Mädchen zurückgezogen von ihren eigenen Kleidern, ihrer Hülle, ihrem immer wieder zu sich selbst zurückkehrenden Schmerz, nicht aus sich hinauszugelangen. Ganz gleich wie sich ihre Arme verlängen und ihre Schleppe gedehnt wird, sie wird ins Purgatorium der Seele zurückgezogen, ins Innere – ins Dunkel der Egoität. Er, kurios und freiheitsbesessen, wirbelt in einem immmer größer werdenden Rad über die Bühne, verquirlt sich in Selbstumdrehungen und kommt doch nicht von der Stelle. Die Verbindung zur Außenwelt scheint unerreichbar. Auch der Soundarchitekt Ben Chaval, der Dritte im Bunde, der anfangs mit einem winzigen Metallrad die Sinnlosigkeit der Beringung instrumentalisiert, verläßt während des Stückes seinen Klangturm nur selten. Auch er ein Isolierter, ein Besessener, aber einer, der damit keine Mühe hat, weil er seine bessere Hälfte nicht im Anderen sucht, sondern ultimativ in der Musik gefunden hat. Während Junge und Mädchen, Pierre Bertrand und Teresa Feio, der Idee nachjagen, jeder Mensch sei nur die Hälfte eines geteilten Wesens, elaboriert Benjamin Chaval eine eigenwillige Klangkulisse, die jeden Laptopklangerzeuger in Verlegenheit bringen sollte. Ben Chaval erzeugt generierte Musik und Sphäre vorsätzlich manuell und schafft so ein Klangraumklima, das ein Zuschauer hinter mir mit dem dafür üblichen Kommentar versah: Gott, iss dett geil.

Gott hat sich zwar in einem ewigen Knall verweltlicht, aber er scheint der Aufhebung des Abstandes zwischen Mitte und Peripherie, zwischen Verinnerlichung und Entgrenzung als blinzelnde Straßenlaterne beizuwohnen, die ironisch den Bühnenrand umkreist. Während Pierre Bertrand und Teresa Feio alles daran setzen, den anderen zu finden, um ihn zu be-greifen, zuckelt die Laterne irritiert eifrig dem Geschehen hinterher oder voraus, um das Überfließen der Mitte zu den Rändern zu verhindern (doch man könnte Gott auch im Techniker Thibaut Garnier vermuten, der die allabendliche Bühnenaura aussteuert).

Das Ganze hat sich die Schweizer All-in-one-Artistin Moni Wespi ausgedacht, die von einem "Trash-Märchen" spricht. Tatsächlich lassen sich Parallelen zum « Théâtre Pauvre » eines Jerzy Grotowski herstellen, aber billiger Trash ist das ganze nicht, denn Trash bezeichnet ein kulturelles Produkt mit geringem beziehungsweise geistlosem Anspruch, die Compagnie Loutop hingegen, in deren Namen sich das Wort L'Utopie verbirgt, verhandelt Beziehungsdramatik als unerläßliche Motivierung, das Unmögliche zu versuchen, denn auch die Unmöglichkeit ist eine Möglichkeit, und nur sie ist imstande, das Unglaubliche sichtbar zu machen. Davon ist Moni Wespi, die Regisseurin, überzeugt, indem sie versucht, "etwas Unmögliches aufzubauen", indem sie ein Stück kreiert, das die Leerstelle zwischen Theater und Tanz füllt. Und das kann nur Zirkus und die sich mit ihm verbindenden Genres.
Zirkus, der in seinem Selbstverständnis, das Etikett Kunst-Welt zu sein, nie in Anspruch genommen hat, ist dennoch Kunstwelt, Zirkus zeigt das Unmögliche, von dem wir annehmen, es sei nur vorgetäuscht und er personifiziert eine zutiefst aufrichtige und genuine Lebensform. Die vierköpfige Loutop-Truppe lebt diese Existenzform. Sie ist zwischen Belgien, Polen, der Schweiz und Spanien unterwegs - mit Tourneebus und ohne Wohnwägen, die haben sie zu Hause gelassen. Sie nennen sich "Modern Dance Nomads". Und als nächstes stellen sie ihre kleine Bühne in Amersfoort und Basel auf.

Ihr Stück "Attache" ist ein Spiel mit der Ambivalenz. Es handelt von Exterritorialisierung und Reterritorialisierung. Der kleine Ring, mit dem Ben Chaval schier teilnahmslos zu Anfang spielt, rotiert um eine partnerlose Mitte, in der niemand Platz hat. Diese Mitte ist nicht mehr als ein Konzentrat. Das große Rad hingegen, mit dem Pierre Bertrand am Schluß virtuos die Grenzen der Rotation auslotet, ist geräumig. Teresa Feio läßt sich von der Gefahr seiner Fliehkraft nicht abschrecken, sie findet ins Innere der Umringung, das Rad kommt zum Stillstand. Die Tänzer verharren in der Umschließung, sie werden vom Rad zusammengehalten, doch auch das große Rad ist nur eine erweiterte Beengung. Dennoch ist der Zuschauer froh, daß sich beider Sehnsucht konzentrisch vollendet.

Ihr Widerstand, sich gegenseitig mit gestretchten Arm-und Beinkleidern zu entkommen, dem Eingefangen-Werden mittels eidechsenhafter Fähigkeit, die Schleppe zu opfern, um sich vor dem anderen zu retten, die Unbrauchbarkeit des krächzenden Telefonhörers - um sich sowieso nichts sagen – all diese vergeblichen Versuche der Selbstimmunisierung führen schlußendlich nur dazu, die sinnlose Ferne zwischen den Protagonisten zu verringern. Das ist tragisch, komisch und sehenswert zugleich.


Su Tiqqun / Helmut Hoege 20/09/11