logo_su_tiqqun

  z u r ü c k  z u m  
v e r z e i c h n i s   

 

Das Nein als Pleonasmus

Die Berliner Nein-Bande deklamiert die Negation im AckerStadtPalast

Ein Pleonasmus (griech. für »Überfluß«) ist eine rhetorische Figur. Man verwendet Ausdrucksmittel, die keine zusätzliche Information enthalten, so daß sich die verbale Redundanz verstärkt, indem man innerhalb einer Wortgruppe eine bestimmte Bedeutung mehrfach auf unterschiedliche Weise benutzt.

Jörg-Michael Koerbl, der Autor des Einakters »Nein«, beschränkt sich auf die Verkettung einer einzigen Aussage und verschränkt das unflektierbare Nein zu einer deklinierbaren Grundsituation. In diesem Erstversuch einer Inszenierung des Einsilbenkolosses verhandelt die jüngst gegründete Nein-Bande gewohnt Zwischenmenschliches. Drei Männer, drei Frauen, eine Puppe leben in einem maroden Heim (Ackerstadtpalast). Sieben Figuren und ein Avantgarde-Pop-Profi zerlegen ein einziges Wort (»Nein«) zwischen Gaumen, Zungenspitze und Tonspuren in mehr oder minder gelungene Mitteilungen, denen der Inhalt abhanden gekommen ist.

Es heimelt nicht sonderlich familär in diesem Vintage-Gehäuse, aber es wird geplaudert, geflirtet, diskutiert und getratscht. Noch. Das Nein des ersten Teils ist die höflich-indifferente Bejahung einer banalen, von sich überzeugten Gesellschaft, die sich in flachen Begegnungen erlebt, ein Nicht-Nein also, eines, das noch nicht brennt, das nicht weh tut, das nicht zwischen den Zähnen zermalmt wird, nicht protestiert, sondern als gewendetes »Ja« zwischen sieben Figuren oszilliert. Fast lieblich, belanglos, nett tönen diese Nein-Kaskaden, denen Abgrenzung nichts mehr bedeutet, weil auch die Abgrenzung sich ins bedeutungslos Beliebige verdreht hat.

Doch das wäre ein zu stiller Mord an der Mission des Nein, das ja den Tod umarmen, mindestens aber etwas Tragik in diese übersatte Gesellschaft kippen soll. Eine Limousine in Lebensgröße »schlägt eine Bresche« (sic: Rex Joswig, souveräner Herr in Schwarz). Das »Gefährt« schiebt sich ins lauschige Neineln, es penetriert die häusliche Konformität, aber es ist kein Statussymbol mehr, sondern Schrottkarosse, deren Fahrer, Worm Winter, Bühnenbildner des Stücks und dessen einzige, stumme Figur, das Steuer hält, als müsse er der Titanic bis zum Absinken die Treue halten. Die Welt, die das Auto repräsentiert, ist unwiderruflich zerstört, der Fahrer lebt noch, aber widerrufen kann er nicht. Erotik, Wohlstand, Freiheit, Geschwindigkeit, Rausch – alles hin. Die Überschreitung der Raumzeitlichkeit ist auf Grund gelaufen. Und das restliche Hauspersonal versucht nun hektisch, sich zu retten. Verzweifelt werden Hilfsmittel aus dem Arsenal der Mythen und Artefakte bemüht: Prinz, Prinzessin, Baum und Regina, aber das Nein nimmt seinen Lauf und verendet in einer kleinen Häufung von Kollateralschäden, die samt Fuhrwerk in die vermutlich bereits völlig unbewohnbare Außenwelt abgeschoben werden, denn »auf Ja wäre alles nur halb so schön« tragisch.

Die unprätentiöse Acht-Eck-Tragödie, gespielt von Aaron Snyder (Apfel), Rex Joswig (Schwarz), Carola Lehmann (Regina), Margarethe Kammerer (Corinthe), Ariane Sept (Puppe Orinthe), Silvia Koerbl (Einsteinauge), Tone Avenstroup (Frixibrixi)) ereignet sich so vage wie das alltägliche Einerlei. Wäre da nicht dieser geniale Sound von Bernd Jestram (Tarwater), der durchweg passende Toncollagen ins fad voranschleichende Inferno konterkariert. Der Regie (Tone Avenstroup) ist ein scheiterndes Nein zum Wie-es-ist gelungen. Ok.

Premiere, 30.11., 20 Uhr, AckerStadtPalast, Ackerstr. 169, Berlin. Weitere Vorstellungen: 1.12., 2.12.

 

http://www.jungewelt.de/2012/12-01/062.php?sstr=