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Leben im Fluxus

Frisch vom Faß erzählt Sarah Marrs über den Osten nach dem Mauerfall

Wie weckt man das Interesse eines durchschnittlichen Lesers, der sich flott erzählte Outsidergeschichten wünscht? Wie gewinnt man Käufer für ein Genre, dem stilistische Hygienik nicht viel bedeutet: indem man schon im Untertitel suggeriert, daß « die wilden Tage in Chicago »ähnlich anrüchig rüberkommen wie «die stillen Tage von Clichy» und «die langen Nächte in Berlin» dem Land der langen Nächte durchaus die Dauer abgraben können, denn sie sind mindestens genauso so lang.

Leider machen solche Werbebotschaften den erhofften Stoff sofort platt. Das burdaförmige Selbstverständnis, wie ein Buch zu sein hat, um seinen Absatz zu sichern, degradiert den Leser zur Ratte, die nach unterhaltsamen Abfall sucht. Erlebtes wird trivialisiert, um infolgedessen einen Erlebnishunger nach Trivialem voraussetzen zu können. In diesem Falle verflacht der PR-Kundige des Eden books-Verlages die Marrsche Grundidee «Meister Petz hat gute Laune», in dem er sie zur «Stadtnomadin» kürt. Marrs selber ist Pendlerin, aber das tönt nicht so gut.

Das Memopuzzle des Fluxusprofis Sarah Marrs liest sich wie ein gestreckter Plissèestoff, dem ein paar Falten ausgebügelt wurden, um den Leistungsniederungen des Verlages Genüge zu tun, der in der Wertabschöpfungskette nicht untergehen möchte und deshalb narrative Gefälligkeit in den nicht vorhandenen Plot schmuggelt, um es allen recht zu machen. Das Erzählte geht hierbei einen heiklen Kompromiß ein. Gossenflair auf der einen, belletristische Glättung auf anderen Seite eines Schau-mir-in-die-Augen-Nachtlebens, das mit all seinen Pleiten, Pannen und Peinlichkeiten vorgeführt wird.

Übertroffen wird das «nur» vom Zynismus diverser Fernsehemissionen. Beispiel: Sarah Marrs’ Erinnerungen an die Jerry Springer Show: Die TV- «Assistenten haben ein Bild davon, wie das Publikum auszusehen hat (…) das Team erklärt (…) mit Schlagwortkarten und Handgesten, was wir zu tun haben… hinsetzen, aufstehen, hinsetzen, alles strukturiert (…) im Alltag müssen wir uns zusammenreißen, aber hier lassen wir auf Befehl alles raus… bei jedem Gast müssen wir im Takt Sprüche wie ‘Take it off! Take it off!’, ‘you suck, you suck’…rufen (…) Ich habe gehofft, bei Jerry etwas Dampf ablassen zu können, doch die [Sende]Struktur erlaubt uns nur einen mathematisch durchgeplanten Schreianfall.»

Zum Schreien, aber von Herzen, ist die Bitterfelder Episode des Buches. Sie ist so ungedrillt und frisch vom Faß erzählt, daß auch das Zwerchfell seine Freude beim Mitlesen hat. Nach einer gähnend langweiligen Podiumsdiskussion, von A.R. Penck moderiert, legt die Band Ornament & Verbrechen den »professionellsten, besoffensten Auftritt« hin, den die November-Klub-Macher in Bitterfeld je zu Gesicht bekamen.

Das Quantum skurriler Schank-und Bühnendesaster darzustellen, war jedoch nicht das Ansinnen von Sarah Marrs. Sie switcht zwischen Detroit und Berlin, zwischen Uptown, wo ihre gefallsüchtige Mutter residiert, und Downtown, wo sie mit Teddy, Tauben und Typen der schrillsten Art zusammenlebt. Um nicht am Irrsinn der einen Welt durchzudrehen, entert sie bereits vor dem Fall der Mauer die Berliner Kunstszene und durchlebt die Neunziger Jahre im Wilden Osten. Rückblickend eine nicht mehr sortierbare Memory-Schatulle für jeden, der den kulturellen Hotspots jener Zeit nahestand.

Um vom aggressiven Berliner Verbrennungsmotor nicht aufgebraucht zu werden, kehrt sie periodisch nach Chicago zurück, zu ihren Freunden, und arrangiert sich immer wieder mit den familären Herausforderungen. Ihre Mutter, ein liebhabergesegnetes Sternchen, wollte immer «daß ich die traditionelle männliche Rolle in ihrem Leben übernehme. Deshalb wurde ich schon als Kind darauf trainiert, ihr die Türen aufzuhalten, damit sie anmutig in den Raum schreiten konnte…» Der Sprung ins Ungewisse, das Pendeln auf dem sozialen Schlappseil hat Sarah Marrs davor bewahrt, im Luxus neurotischer Leere zu verblühen. Sie wurde Fluxus-Diva, entschied sich für den fließenden Übergang zwischen Kunst und Leben und überlebt »mit radikalem Vertrauen in die Menschen« außerhalb der Komfortzonen.

Sarah Marrs. Stadtnomadin. Eden books, Hamburg 2013, 14,95€

http://www.jungewelt.de/2013/10-23/006.php?sstr=