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Die echteste Variante

Jazz den Infoschock: eine Wanderausstellung über Free Jazz in der DDR

Der belgische Pianist Fred van Hove bezeichnete die DDR als das gelobte Land der improvisierten Musik, indes die Jazz-Avantgarde den Ausbruch aus dem vermeintlichen Paradies intonierte. Unbestreitbar kreierte der Free Jazz in Gestalt wechselnder “Associationen freier Produzenten” (Marx) die gravierendsten und radikalsten Klangwelten. Die Entgrenzung tonaler Ordnungsprinzipien mittels konträrer Handhabung der klassischen Jazzinstrumente trug eine krasse, exportierbare Handschrift, made in GDR.

Die Leistungsdynamik des auffallend souveränen «DDR-Jazz« war jedoch in einem Land zustande gekommen, die eine Schreckenskammer eines noch schrecklicheren Lebens gewesen muß, so man dem Vokabular glaubt, das die Ausstellungsmacher bemühen: «Weltniveau im Überwachungs-staat« – der Untertitel der Ausstellung, die im DKW Cottbus eröffnet wurde, markiert unmißverständlich den ideologischen Impetus. Äußerste Ungebundenheit von Einzelmusikern kann nur jenseits der offiziellen Einheitskultur, Einheitspartei und aller dafür infragekommenden Ekelvokabeln stattgefunden haben. Nur so lassen sich die finanziellen Mittel für diese Ausstellung rechtfertigen.

Zwischen Kulturpolitik und Subkultur des Free Jazz bestand jedoch kein Widerspruch, das war von allen Beteiligten so gewollt, bemerkte Wolf Kampmann, der es wissen muß, anläßlich einer Veranstaltungsreihe «Musik.Zeit.Geschehen« 2012. Free Jazz war Teil des DDR-Alltags. Er wurde angenommen, weil die ultimativ improvisierte Musik ein adäquater Ausdruck dessen war, wie man fühlte. Dabei waren “die ersten Strecken des Free Jazz mehr oder weniger ein hemmungsloses Ausbrechen, in dem einer kaum mehr auf den anderen hörte.”(Ernst Ludwig Petrowsky, 1977) Der Zuhörer wurde brachial getroffen, ganz gleich ob er vorgebildet war oder nicht. Er hatte die Wahl – weglaufen oder dabeibleiben, sich darauf einlassen oder dem Krach die kalte Schulter zeigen. Daß ein ungeschultes Gehör binnen kürzester Zeit sublimiert, ja sogar umgepolt werden konnte, beweist die Erinnerung Conrad Bauers an einen Auftritt vor jungen Arbeitern in einem VEB: «… die hatten noch nie in ihrem Leben etwas von Jazz gehört (…) geschweige denn von Free Jazz, und die waren nach einem anfänglichen Schock derart verblüfft und begeistert, daß wir nicht zwei Stunden gespielt haben, wie üblich, sondern vier.« Vier Stunden Faszination mittels atonaler Eruption! Wow!

Mich überwältigte mein erstes Free Jazz Konzert 1982 in Leipzig, in einem jener unappetitlichen Kultursäle. Das Conrad Bauer Trio spielte vor ebensoviel Tischen wie Zuhörern. Ungefähr fünfzehn. Nicht immer wurde das Angebot von der Nachfrage gedeckt. Meine Freundin und ich füllten die linke Seite des Saales, auf der rechten Seite saßen lückenhaft verteilt vermutliche Musikliebhaber, denen nicht anzumerken war, was in ihnen vorging. Während sich in mir nach und nach Glückskapriolen überschlugen, begann meine Freundin zu versteinern. Ich hätte am liebsten die klobigen Tische, auf denen klebrige Reste von Mehlschwitze die Frischeflecken unserer Biergläser knutschten, übereinander geworfen, um meine Euphorie zu kompensieren, aber die Zuhörer gegenüber verfolgten den Spielverlauf genauso stoisch wie meine Freundin. Auf ihre Frage, was ich an der Musik so lustig fände, sagte ich: diese schamlose Spielfreude. “Free Musik allgemein, verstanden als freies Improvisieren, ungebundenes Drauflospielen” war für Conrad Bauer «die echteste und ehrlichste Variante musikalischer Zusammenarbeit.« Free Jazz profilierte sich somit als ebenso gelungener wie gewollter Qualitätssprung auf der Skala der musikalischen Richtungen. Er wurde wahrgenommen, weil er in den aberwitzigsten Lokalitäten von Altenburg bis Wurzen präsent war.

Die Kuratoren des Erinnerungslabors Berlin überbrücken den Spagat zwischen der offiziell erwünschten Deutung und der umfassenden Präsentation der Geschichte mittels extremer Informationsverdichtung. Verglichen mit der Größe der übrigen Austellungsräume(1200qm) im umgebauten Dieselkraftwerk Cottbus drängt sich die Geschichte des Free Jazz in ein winziges Raumvolumen. Das Kulturerbe des Free Jazz gesperrt in eine Art Dachkammer, könnte man meinen. Die Differenzierung der Information wird erschwert durch einen Klangbaldachin, der sich partout nicht ausblenden läßt, weil auf der Stirnseite des Raumes der Film “Jazz aktuell” im Loop läuft. “Sich immer wieder mit musikalisch Neuem auseinanderzusetzen, gerade wenn man glaubt, sich in irgendeiner Art von Musik baden zu können, ist natürlich anstrengend”, resümierte Ernst-Ludwig Petrowsky 1977. Sich unerwarteten Schwierigkeiten auszusetzen, obwohl man von ihnen erschlagen werden könnte, um festzustellen, dass der Zugang zur Komplexität der freien Töne gar nicht so schwierig ist, wäre also für den Rundgang Bedingung. Nach spätestens 30 Minuten hat man die Struktur erfaßt, der Zugang zur Dokumentation ist frei und die Methode zu ihrer Aneignung auch. Man muß nicht Texttafel für Texttafel studieren. Die Materialschichten lassen sich kalaidoskopartig erschließen. Die Konzeption will es so, vorausgesetzt der Besucher verläßt nicht sofort den Raum, weil ihn die Fülle erschlägt. Man muß den Informationsschock der ersten Minuten aushalten, ertragen und annehmen - wie im Free Jazz – nur so läßt sich das Œvre dieser Musik erfassen, bis einen das Genie ihrer Macher auf einer tonalen Welle davonträgt.

22.11.2013 bis 19.01.2014
Di – So 10.00 bis 18.00 Uhr
Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus
Uferstraße/ Am Amtsteich 15

 

In: http://www.jungewelt.de/2013/11-29/015.php?sstr=