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Start up einer Musealisierung

Die «Erfurter« Subkultur der 60er, 70er, 80er – eine Hängung ohne Deutung

«Ich war nicht Untergrund, ich war mein eigener Abgrund«, bekennt Magdalena Häfner, die unerwünscht war im Verband der Bildenden Künstler der DDR. Abgrund sein, das raunt konsequenter, als am Abgrund zu stehen und hinabzuschauen. Nicht mal Vergil wollte da hinein, doch die DDR-Punkmaler der 80er lebten ihren Abgrund in extremis.

Trotz Verneinung wird Magda Häffner zur Untergrundkünstlerin erklärt. Ihr Statement flankieren lapidare Eckdaten im ansonsten textstrotzenden Katalog zur Ausstellung «Zwischen Ausstieg und Aktion. Die Erfurter Subkultur der 60er, 70er und 80er Jahre«.
Den Terminus «Subkultur« gab es zwar nicht im DDR-Sprachgebrauch, doch die Arbeiten der Ateliergemeinschaft der 60er und des Atelierbundes der 70er, dem Häfner nahestand, ohne sich zugehörig zu fühlen, dienen der Beweisführung der Ausstellungsmacher. Hauptsache Sub, damit keine weißen Kunstlöcher übrig bleiben.

Das ist insofern richtig als «Detailuntersuchungen«, wie Christoph Tannert im Katalog schreibt, «den strukturellen Konflikt, der geknüpft ist an unterschiedliche Lesarten der kunsthistorischen Spuren (…) die Frustrationslage« der Protagonisten entspannen könnten. Tannerts verstimmt harsche Ansage, daß den subkulturellen Qualitäten endlich museale Annerkennung widerfahren müsse, wird jedoch von einer ebenso strukturellen Anmaßung unterlaufen. Die in der Kunsthalle Erfurt eröffnete Retrospektive wurde von der hyperpräsenten Künstlerin Gabriele Kachold Stötzer, begleitet von Tely Büchner unter Mitwirkung Reinhard Zapkas und Susanne Knorrs, kuratiert. Dementsprechend sind Ausstellung und Katalog gewichtet. Kachold-Stötzers Arbeiten dominieren den Ausstellungsparcour (gefühlte 40 Prozent). Auch neben Gundula Schulze Eldowys Fotoloop «Hundetage in Berlin« stötzert es auffallend. Fast scheint es, als wären die übrigen Künstler um Kachold-Stötzer herumgruppiert. Das ist verwirrend und führt zu falschen Schlüssen. Vital-ekliptisches Nebeneinander verschiedener Formsprachen verdichtet zu einer Supernova verfolgter Kunst? Irrtum. Kreative Ausstellungsästhetik versus Systematik? Mag sein. Das bringt zwar nicht jeden Betrachter durcheinander, doch am Durcheinander der Bildwerke ändert das nichts.

Die «hochintelligent aufgezwirbelte Empfehlung, die Ostler mögen(…) ihre Sicht auf die Dinge gefälligst aus eigener Kraft darstellen«, obwohl sie «den Betroffenen wie eine höhnische Pirouette vorkommen muss«(Tannert) wird von Kuratoren und Autoren willig pariert und in Folge up to date pici aufgebläht (jüngeren Generationen muß Geschichtsbeschwulstsein eingeschimpft werden). Die Zerfaserung der einstigen Szene wird in ein Netzwerk umgedeutet (doch auch «Network« war uns kein Begriff – damals).

Der feine Unterschied zwischen Scene (Innovation) und Szene (Inszenierung) verlor sich im Orbit der Künstlerinnengrupe Exterra XX der 80er, die ritualistische, körperbezogene und therapeutisch anmutende Perfomances im 8mm-Format produzierte. Spielerische Bereitschaft blühte und blühte aus. Die Verwandlung der Handlung in einen poetischen Akt mitten im Alltag (großartig umgesetzt in Heike Stephans Arbeit «Seide«) - dieser das Wesen der Scene bestimmende Gestus galt der Aktion, der Spontanität, die bei Exterra XX ins Komische und Dilletantische abdriftet.

Stötzers in der Kunsthalle gezeigten Videos behaupten im Gegensatz zu den Arbeiten, die im Schillermuseum Weimar zu sehen sind, das Szenische: Klischees und Theatralik. Und zwar als Kult, Couture und Abgrenzung. Doch die Abgrenzung war ja, pardon, eine Ausgrenzung, kraft namentlich benannter Störenfriede im Erfurter Outsidergemisch. Beauftragt vom Überbau. Diesen Spielverderbern und ihren Zielpersonen wurde eigens ein Extra-Raum aufbereitet (Akteneinsicht outgesourct, wenig Andrang vor der Wandzeitung). Nunja, die Stasi, dieser verwaltungsbesessene Mitveranstalter der Subkultur, kaschte sich oft die produktivsten Deliquenten. Für bzw. gegen die Maler einen Lyriker, als Musikverunsicherer den Ultrapunk und, um seine Punkcobra zu schützen, ein obsessives Multitalent, das zusammen mit Stefan Schilling, Pallas, C.D. Spinne u.a. eine Aktionsgruppe pushte, die die kollektive Malerei vorantrieb, ohne daß das ihre erklärte Absicht gewesen wäre. Und «Alexander Merz and his famous Dakota-Artists« war nicht der einzige Bandname, wie dem Publikum suggeriert wird.

A.R.Penck und die Gruppe Lücke, visuelle und auditive Prägungen samt Lektüren jeglicher Brisanz schärften den in der Tat subkulturellen Gestus dieser berüchtigten Truppe, die den solistischen Malakt zum Anachronismus erklärte. Free Jazz auf der Leinwand – das hätte die solitäre Bildproduktion gesprengt. Kunstnahe und kunstferne Akteure im Malrausch. Ekklektische und antiperfekte Fusion. Jeder der Beteiligten durfte ändern, bis das Bild fertig war. Diese Methode wurde bis 1994 durchgehalten - im Kunsthaus Tacheles in wechselnder Besetzung. Die Stilistik war unverkennbar. Die «Kapriolen der Optik« (C.D.Spinne) waren den «Erfurtern« wichtiger als Künstlerstatus und Kunsttext. Leider fehlte ein Mentor in beratender Position. Das Potential der gemeinsamen Suche wurde nicht nur von provinziellen Kulturschützern boykottiert, ignoriert und angezweifelt. Es war einfach too much punk.
 
Die eigentliche Schwierigkeit, die divergierenden Kunstsprachen theoretisch zu reflektieren, wurde ausgespart, es gibt keine Deutung, nur Hängung. Doch eine Ausstellung verschwindet, der Mißverständnisse evozierende Katalog bleibt.

8.12.2013 – 2.2.2014
Kunsthalle Erfurt
Fischmarkt 7

 

Siehe: http://www.jungewelt.de/2014/01-06/007.php