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Fotografie im Eimer

Die Pioniere der Creative Class erinnern an das Ostwunder Berlin 1990-1996

In der Tat läßt der Photoband "Berlin – Wonderland" eine Zeit wieder auferstehen, an die man sich heute vor lauter Rauscherinnerungen nur unscharf erinnert. Dafür sind die ausgewählten Fotografien um so schärfer. Sie veranschaulichen die Aura der „provisorischen“ Jahre von 1990 bis 96, als man in der Spandauer Vorstadt der funktionalen Selbstbegrenzung des eigenen Ich hemmungslos entfliehen und sich für kurze Zeit den Regulativen der Staatsräson entziehen konnte. Die raumgreifende Unbeschwertheit, mit der die Aktivisten die Starre der 80er Jahre hinter sich ließen, um ihr antibürgerliches Ideal in den zerfallenden Resten des wilhelminischen Baubooms wiederzubeleben, war einzigartig. Das Titelfoto von Ben de Biel veranschaulicht das Lebensgefühl dieser Nachwende-Besetzergeneration am besten: Entspannte Manpower am Straßenrand, viel Sonne, Freikörperkultur ohne Sexismus, flanierende Muslim-Transen, kein Leistungsdruck, kein Status-fetischismus, keine Selbstaufgabe. Ein Kontaktabzug der Wirklichkeit. Anke Fesel und Chris Keller, die Herausgeber von „Wonderland“ – ein Titel, der sich wie ein Bonbon im Munde dreht – beleben jedoch auch einen Neo-Mythos: Die unverkrampften 90er, als alles möglich schien, weil man in der ramponierten Zone zwischen Friedrichstraße und Rosa-Luxemburg-Platz unter sich war, während in aller Welt epochale, existentielle Umbrüche stattfanden, die schließlich zu einem glücklichen NeoIndividualliberalismus in der Wohlstandsmitte führten. Anfang der 90er geschah soviel und auf so kleinem Raum, daß man die exterritorialen Schreckensmeldungen und die internen Exzesse schon gar nicht mehr auseinanderhalten konnte. Einig Wonderland war eigentlich nur im idealistischen, naiv formatierten oder radikal geschichtsverdrängenden Sinne zu haben.
Die in einen anderen Kontext gestellten Installationen der « Mutoid Waste Company », die damals schweres Kriegsgerät zu Skulpturen aufarbeiteten, gaben einen willkommenen Kommentar zum «Ende der Geschichte»: Die aufgebäumte MiG-21 im Torbogen des Tacheles oder die zum Arc de Triomphe verschmolzenen Panzerwagenteile auf dem Potsdamer Platz waren ein Coup des Industrial Trash. Die Geschichte wurde gleich mitverschrottet. Dem Spiegel war das damals mehrere Bildseiten wert. Man ritt in der Berliner Mitte ein apokalyptischens Pferd, das war den Beteiligten nicht immer bewusst. Gefühlte 90 Prozent von ihnen kamen aus dem Westen. Die Photos von Ben de Biel, Hendrik Rauch, Philipp von Recklinghausen, Stefan Schilling, Hilmar Schmundt und Andreas Trogisch vermitteln eine Ahnung davon, wie sich das Leben von der Täuschungssmaschine Berlin West nach Ostberlin verschob, um dort die gleiche Täuschungsmaschine zu verankern. Die auf einem Rummel aufgenommene Mickey-Mouse-Luftballon-Fratze zum Beispiel, die dem Betrachter ihre Dreistigkeit ins Gesicht boxt, während die erhobene Faust der Ernst-Thälmann-Statue im Hintergrund auf eine wehrlose Geste zusammenschrumpft. Oder die erbeuteten Zweibeiner, die wie Jagdwild an Trapezen hängen, in Käfigen brüllen und vom «Bestia Pigra»-Dompteur der Gruppe R.A.MM vorgeführt werden. Eine unzweideutige Parabel.
Obwohl die dystopischen Bilder im Band überwiegen, den Protagonisten, die die Photos kommentieren, scheint der Enthusiasmus nie weggebrochen zu sein. Brad Hwang, «der der Hoffnung ins Gesicht geschaut hat, wird sie niemals vergessen», aber: «Hoffnung ist ein Mangel an Information» (Heiner Müller). Und diese Information, die fatalen Auswirkungen auf das gesamte soziale Gefüge wurde kaum reflektiert, solange man von der Kehrseite der Entwicklung nichts mitbekam oder mitbetäubt unterschätzte. Man lebte die progressive Dekadenz einfach weiter.
Der Osten zerfiel. «Nichts galt mehr», bemerkt Ulrike Steglich: «...für die Kids in Mitte waren die leeren Häuser Spielplätze gewesen. Und plötzlich kamen die ganzen Besetzer und nahmen ihnen das auch noch weg...» Uta Rügner ergänzt: «Auf einmal brannte es dauernd. Es wurden bewohnte und unbewohnte Häuser angezündet… Feuer wurde zum Mittel, um strittige Immobilienfragen zu lösen.» Der Immobiliengier fiel fast alles in den Rachen, was die Vorhut der Creative Class dem noch heute schwärmenden Publikum zugänglich machte : die extensive Kultur, die skurrilen Bars, die beliebten Clubs. Und Jochen Sandigs Feststellung, daß ihm damals des öfteren schlecht wurde vor lauter Kunst, die sich da genial und dilletantisch wie ein Lauffeuer ausbreitete, sollte auch nicht verschwiegen werden. Als Klaus Biesenbach von den Kunstwerken gemeinsam mit Jutta Weitz, der Raumvergabefee, wie wir sie nannten, 37 leere Räume aushandelte und von noch unbekannten Kuratoren bespielen ließ, gab diese Ausstellungsstrecke die Initialzündung zur Etablierung der Auguststraße als Galeriemeile.
Fast homöopathisch verabreicht die Bild-Dramaturgie der beiden Herausgeber einen Vorgeschmack vom noch brutaleren Countdown der Verwertung. Nicht alle haben diese Härtegrade überlebt. Bei der Buch-Release-Party Ende Mai in Berlin-Mitte nahm der Performer Marva Maschin selbstironisch den alten Faden wieder auf: «Ich back mir einen Terroristen». Notfalls snobistisch, wenn’s nicht anders geht.
Bonusbilder von Ben de Biel gibt es in der Urban Spree Galerie, Revaler Straße 99 vom 5. bis 7. Juni 2014 zu sehen. Einweihung am 5.6., 20 uhr mit DJ Ed 2000.

Anke Fesel / Chris Keller: Berlin Wonderland. Wild Years Revisited 1990-1996, Bobsairport, Berlin 2014, 224 S., 29,90 Euro

Siehe: http://www.jungewelt.de/2014/06-04/042.php