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Varieté. Geschmeidiger als Hautcreme

Schlicht poetisiert die " Little Big World " des Sebastiano Toma im Wintergarten Berlin die Tücken der Dingwelt, aber der Applaus quittiert nur die artistische Leistung

Einst wurden sie nach einem sturmgepeitschten Leben irgendwo in der Ecke verscharrt. Sie besaßen nichts, nur ihren Körper und ein Bewußtsein davon. Sie waren dazu verdammt, aus der Norm des Körpers auszubrechen und befanden sich dennoch am Erfüllungsort ihrer selbst. Ihre Kunst war nicht das Resultat von Abstraktion und Selbstzwang, wie im bürgerlichen Leben üblich, sondern Sublimierung der Natur. Ihr Können war und ist Verausgabung, aber nie Illusion. Man überhäuft sie mit Staunen, Glotzen und Beifall, und ihr Kapital, der Körper, tourt nach wie vor durch das Panoptikum der Unterhaltung.
Wozu diese Anstrengung? Weil Sebastiano Toma, der Regisseur der «little big world», die im Varieté Wintergarten ihre Tournée-Umdrehungen beendete, an die Rest-Sinne des Bürgers apelliert, die Poesie des Körpers nicht zu verkennen? Möglich. Weil Toma den juxgewohnten Betrachter an «die einzige ehrliche, bis auf den Grund ehrliche Darbietung» (Ernst Bloch) erinnern will? Vermutlich. Weil die Kunst des Artisten ihren rationalen Gebrauch auschließt? Weil Toma kein Varieté im Varieté zeigt, auch wenn jeder glaubt, daß es das ist?
«Es kommt immer auf den Blickwinkel an», sagt Toma fast grollend. In der Tat, der Definition von Varieté entspricht Tomas Stück nicht. Es ist weder anti-akademisch, noch primitiv, es ist nicht naiv und nicht unmoralisch, es ist kein Plagiat, seine Wirkung nicht wirklich heiter und zu lachen gab es auch nicht viel.
Die Bildgeschichte offenbart einen desillusio-nierenden Hypertext, so man sich dem Sichtbaren überläßt. Eine Videokamera projiziert am Bühnenrand eine Sideshow auf eine 32 Quadratmeter große Leinwand. Nichts wird verborgen. Es gibt keinen Trick. Das filigrane No-Budget-Bonsaitheater am Rande der Wintergartenbühne illustriert die Alogik der Welt, die Poesie der Dinge und ihre Vergeblichkeit. Der Virtuose Mark Chaet interpretiert mit seinem Fünf-Mann-Orchester den metamorphösen Abend. Unversteckt löst er die Bänder stilistischer Korsette auf und intoniert üppig und facettenreich das «Weltgeschehen». Eine erstarrte Frau (Cristiana Casadio) wird auf die Bühne geschleppt und vom Mann (Stefan Sing) in Positur gebracht. Das nimmt ihm die Gliederpuppe übel und klaut dem Mann das handtellergroße Arbeitsinstrument, den Ball. Der Ball rollt mal über den Einen, mal über den Anderen, der Mann will jonglieren, Frau nicht. Sie zerschneidet den Ball, doch ihre Schere vervielfältigt sich. Die Scheren schnappen nach der Frau, die, um ihnen zu entkommen, ein schwieriges Ausweichmanöver tanzt. Meereswellen drängen die Frau von der Bühne, ein Traumschiff segelt herein und wird von Stadtkulissen verschoben. Oldtimer fahren an Häuserfronten auf, die entzwei gerissen werden. Übergroß erscheint ein schmollendes Lolitagesicht, das sich ruckzuck die Lippen schminkt. Lolita (Leilani Franco) überschlägt sich, verdreht ihre Beine zum Scheitelpunkt und beginnt ihr Frühstück. Sie schenkt sich mit den Zehen Kaffee ein, trinkt, die Tasse an den Zehen, und raucht gelangweilt eine E-Zigarette, die zwischen den Zehen klemmt. Applaus. Eine Vedette singt, was ihr in den Sinn kommt. Ein blaues Pferd qualmt dazwischen. Die gesamte Truppe, sieben Artisten, tratscht das in ihre Smartphones, während zwei Riesenpuschel Pas de deux im Aquarium üben. Zugleich äquilibriert ein Päarchen. Trinkend. Je mehr getrunken wird, desto extremer die Kontorsion der Körper. Tosender Applaus. Die Welt dreht sich weiter. In Gestalt von sieben Globen, die die Pause einleuchten.
In der Raucherzone vor dem Vestibül stehe ich neben goldkettchenbehangenen Geschäftsleuten, die ein paar Geldquellen aushecken. Der Ruch des Varietés, eine Halbwelt zu sein, kolportiert sein Klischee. Ich rauche Rolltabak mit den Fingern und forsche nach Kriterien für das Varieté: Als Grundform bühnengebundener Unterhaltungskunst hat das gastronomisch unterfütterte Varieté stets die anderen Künste beliehen, sofern es sich um Hochformen ästhetischer Aneignung handelte: Ballett, Schauspiel, Bildende Kunst, Film, Komik etc. Das Varieté hat diese «Leihgaben» parodiert, popularisiert und erotisiert, es hat sie auf Nummern und Revuen heruntergedrechselt, so daß ein frivol-süffisantes Darbietungspotpouri ein lukratives Geschäftsmodell begründete. Die «kleine große Welt» des Produzenten Sebastiano Toma, der u.a. die Falsett singenden Outcasts «Tiger Lilies» einem deutschen Varieté-Publikum zugänglich machte, trivialisiert diese Anleihen nicht, sondern zeigt ihre Verschmelzung. Jeder Artist hat sich auf mehrere Genres spezialisiert. Tanz, Kontorsion, Jonglage und Gesang gehen eine metaphorische Beziehung ein. Als bloße Nummernsensation würde der Artist verhungern. Die Austerität ist längst im Wintergarten angekommen. Be all in one, sonst wirst du entbehrlich.
Der Gong läutet zum zweiten Teil.
In Chiffon badend entschleiert sich eine Ballerina, während ein «Hai» (der eher die Maße eines Thunfischs hat, aber egal) durch die Luft schwimmt. Er läßt sich an der Leine führen. Folgsam wie ein Hündchen. Das Ensemble verdreht derweil die Bruchstücke großer Lettern, über die ein Ball gleitet, der sich als Punkt eines großen Fragezeichens entpuppt. Die Schrift ist zerbrochen. Der Ball verfünfacht sich. Eine Jonglage geschmeidiger als Hautcreme verblüfft das Publikum. Die Vedette besingt etwas Unverständliches und ein Roboterkind der Generation Motoman SDA-10 ruckelt zur Bühnenrampe und wackelt mit den Hüften. Die Crew imitiert seine Gelenkigkeit. Jetzt hat die Infantilität der Gesellschaft ihren Höhepunkt erreicht. Tobender Applaus. Ein kleines Rad fällt vom Bühnenhimmel. Lolita fusioniert mit dem Rad, verbiegt sich wie ein sterbender Schwan und sinkt dabei zu Boden. Auch die Stadtkulisse hat sich verbogen. Stürmischer Applaus. Der Robot wackelt weiter, während die Weltbevölkerung ihre Koffer holt, um einen Ausweg zu finden, stattdessen erstarrt sie in Posen. Ein großes Rad rollt dazwischen. Erika Nguyen übernimmt das Rad und dreht den Stahlring mit der Leichtigkeit eines Hulahupf-Reifens. Hinweis für den Laien: Ein falscher Griff an diesem Rad und Sie sind rollstuhlreif. Die Zuschauer wissen das und aplaudieren frenetisch. Die Stadtlichter erlöschen, jeder läßt sein Haus zurück und nimmt Abschied von der Welt. Applaus. Jubel. Ovation. Ich glaube, das Varieté hat die Seite gewechselt. Das Publikum ist zum Varieté geworden: bildungsfern, unmoralisch, aber immer heiter.

The Little Big World,
https://www.youtube.com/watch?v=sp0jEjn40PQ&feature=share&list=UUdro3A5kWeKcZyR3D3K6vyw