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Krieg auf Teppichen
Gewalt und ihr Abbild in Langzeitkonflikten

Die verheerenden Gräuel des 17. Jahrhunderts, das von einer Vielzahl gleichzeitiger und aufeinander folgender Kriege auf einem nicht mehr überschaubaren Terrain erfasst wurde, und die aktuell mehr als 30 Jahre andauernden Kampfhandlungen in Afgahnistan stehen im Mittelpunkt einer Ausstellung, die bis zum 8. März in der Galerie ACC in Weimar gezeigt wird.
Im Geflecht inhaltsleerer Kunst-Affirmation stellt das Programm des Galeristen Frank Motz eine Singularität dar. Es zeichnet sich durch inhaltlich-komplexe, politisch-kritische und ästhetisch-unübliche Analogien aus. Steven Kurtz vom Critical Art Ensemble würdigte diese Ausnahmestellung mit folgenden Worten: »there is no better place to be an artist than at ACC.«
Diesmal konfrontiert Motz den Betrachter mit kriegsbedingten Artefakten: den »Wartifacts«. Der Kurator und Wahldresdner Till Ansgar Baumhauer, zeigt in seiner bisher umfangreichsten Schau 200 Arbeiten von zwölf Künstlern, die sich im Kontext ihrer Kriegs-und Alltagserfahrung positionieren. Zehn der 12 Künstler stammen aus Afghanistan. Zu sehen sind digitale Manipulationen, Installationen, Keramiken, Kalligraphien, Fotos, Gravuren, Gemälde und Teppiche, die den Betrachter in ihren ihren Bann ziehen und mitunter trotz Gewaltsymbolik beglücken. Wie das?
Die zurückliegenden 36 Jahre Krieg haben Afghanistan in einen »Friedhof der Imperien« verwandelt. Die traditionellen Kulturtechniken und Alltagsästhetiken absorbieren die Präsenz des Kriegzustandes, indem sie überlieferte Kryptographien überschreiben und konterkarieren. Afghanische Teppiche, von Hand geknüpft bzw. getuftet, haben das Kriegstrauma quasi verknotet. Von Verwebung kann nicht die Rede sein, da die Afghanen keinen Webstuhl verwenden. Die Teppich-Muster der 80er Jahre abstrahieren tödliche Objekte und nehmen ihnen dadurch den Schrecken. Konkrete Gewalterinnerungen werden schematisiert, was mitunter umwerfend komisch wirkt, etwa wenn Panzer zu Panzerlein werden und Handgranaten zu verbeulten Kullern.
Bereits kurz nach der Intervention der Sowjettruppen 1979 tauchten auf afghanischen und pakistanischen Basaren Teppiche auf, die bislang in der lokalen Textilkunst unbekannte Motive und Ornamente zeigten: stark geometrisierte Panzer, Kalaschnikows, Helikopter oder Handgranaten, die als Bildelemente in traditionelle Teppiche integriert wurden und zuweilen gänzlich die ursprünglichen Teppichmuster ersetzten. Auch Teppiche mit bildlicher Darstellung von Kriegsszenen in einem ornamentalen Bordürenrahmen wurden in den 80ern geknüpft; zahlreiche davon entstanden in Flüchtlingslagern nahe dem pakistanischen Peschawar. Die Ornamente der aus europäischer sicht fast humorvoll anmutenden Abildungen der 80er korrespondieren mit der überlieferten Pictographie, hingegen die nach 2001 entstehenden Teppiche den Schrecken des Krieges aufgesetzt figurieren, als hätte da jemand nachgeholfen. Der Einsatz der ISAF-Truppen und der USA profanisiert die Symbolik der Teppichmotive: die Abbildung des World Trade Centers beispielsweise, die noch heute in hohen Stückzahlen produziert und verkauft wird.
Mit sogenannten Entknüpfungen versinnbildlicht Till Ansgar Baumhauer die Überschreibung und Zerstörung der afgahnischen Kultur. Er entfernt Knoten für Knoten aus traditionellen Teppichen, um die Embleme der Nato-Alliierten freizulegen. Eine Verfremdung, die das Zeichenuniversum einer jahrtausendealten Kunst entstellt und schmerzhaft das Betrachterauge bricht.
Der Trailer der Dokumentation »Krieg auf dem Teppich« von Helga Bahmer veranschaulicht die Produktionskette der Kriegsteppichmanufakturen. Am Ende der unter miserablen Bedingungen hergestellten Ware verschleudert ein US- Sammler die Werke für ein paar Euro. Angesichts dessen, dass diese Arbeiten von Kindern, mglw. alleinstehenden Frauen und Berufskünstlern geknüpft werden, sind diese Ausbeutungstechniken nicht weniger erschreckend als ihre kriegsmodernen Motive.
Der in Herat ausgebildete Mohammad Ibrahim Habbi kooperierte mehrfach mit Kurator Baumhauer, der ihm Bildvorlagen sandte, die auf aktuellen Pressefotos oder Radierungen des Dreißigjährigen Krieges basierten. Habbi übertrug die Vorlagen fast eins zu eins. Bildtiefe und Hell-Dunkel-Abstufungen gingen dabei verloren.
Der Afgahnistankrieg und der Dreißigjährige Krieg weisen zwar neben ihrer zeitlichen Ausdehnung eine Vielzahl struktureller und sozialer Parallelen auf, die Übersetzung der über 350 Jahre alten Kriegs-Radierungen von Jacques Callot in neuzeitliche Teppichkunst entwertet jedoch die Aura beider Kunsttechniken. Die des unübertroffenen Kupferstechers und die des bewundernswerten Teppichknüpfers.
Baumhauers erstes künstlerisches Kooperations-projekt mit afgahnischen Künstlern waren die »Poems von Herat«. Ausgewählte Gedichte aus dem Dreißigjährigen Krieg wurden von Massum Faryar in Dari, einen persischen Dialekt, übertragen und von Said Abdul Khalil Roein und Amir Mohammadi kalligraphisch überhöht. Eine auratische Interpretation, die die Authentizität des Barockgedichts mit dem komplexen System der Nastaliq-Schrift verschränkt. Ein unfassbar schöner Anblick. Überzeugen Sie sich selbst.
Die riskanten Provokationen des Aktionskünstlers Aman Mojadidi im öffentlichen Raum Kabuls machten ihn über die 13. documenta hinaus bekannt. In einer Fotoserie inszenierte er sich als Djihad-Heilsbringer und klebte in einer nächtlichen Aktion während des afgahnischen Wahlkampfes ästhetisch hochwertige Poster mit klischee-foppenden Wahlversprechen neben die der Kandidaten der Marionettenregierung. Seine Poster wurden zerissen. Den Djihad will keiner. Daß Mojadidi sich und das afgahnische Männlichkeitsbild mitironisiert, läßt hoffen, daß Afgahnistan gegen die Talibanisierung seiner Kultur immun bleibt.

Wartifacts, ACC Weimar am Burgplatz. Bis 8.3.2015, täglich von 12 bis 18 Uhr

s. https://www.jungewelt.de/2015/01-24/017.php