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Zum Verlieben
Europas Kulturhaupstadt Pilsen setzt auf die geschmähten Künste: Zirkus, Streetart, Puppenspiel

Plzen - schon aus Opposition zu dem, was jetzt jeder denkt, werde ich kein Faß aufmachen. Obwohl das Pilsener Hauptstadt-Motto „Open Up“ von etlichen Nachfahren des Soldaten Schweijk als Aufruf zur Öffnung von Bierflaschen verstanden wurde.
Petr Forman, der künstlerische Leiter des Programms der zur Kulturkapitale gewählten Barockmetropole, im übrigen einer ihrer letzten großen Söhne, und wiederum Nachfahre eines noch berühmteren Vaters, Miloš Forman, hat mehr im Sinn: Er will Kultur denen zugänglich machen, die sich meist nicht in Räume begeben, in denen sich die Kunst vom Publikum distanziert. Petr Formans »Pilsen 2015« soll ein Fest der fahrenden Künste, der Märkte im buchstäblichen Sinne und der Spektakel unter freiem Himmel sein. Wenn man die Bewohner nicht einbeziehe, dann habe so ein großes Projekt keinen Sinn, sagt er. Forman möchte, daß sich die Pilsener öffnen, die Bierflaschen zwar auch, denn er sei mitnichten Bierverächter, doch der Erfinder abtrünniger Bühnenspektakel möchte den Pilsenern das »Konservative«, das ihnen »die ära des Kommunismus« eingeflößt habe, wieder austreiben. Was er paradoxerweise als Rettung vorschlägt, ist jedoch die Sublimierung des digital bedrohten Körpers in einer von allen Klassengesellschaften verachteten Kunstform: Zirkus.
Und da Plzn alles andere als verstockt ist, rennt Petr Forman mit seinem Konzept offene Türen ein. Die unsteife Offenheit dieser Menschen, die sich völlig zwanglos ihren Lieben und Vorlieben widmen, ohne sich dabei groß aufzuführen, war geradezu eine Wohltat, als ich die Stadt betrat, zumal ein nicht alltäglicher Drahtseilakt den Tag der Eröffnung krönte.
Mit einem Umzug aus fünf Richtungen, soviele Flüsse hat die Stadt, versammelten sich am 17. Januar 25.000 Besucher vor der St. Bartholomäeus- Kathedrale, der spätgotischen Marktkirche, um ein Videomapping auf 5000 qm Fassade zu bewundern. Der Hochseilakt des Schweizers David Dimitri, der bei feuchter Kälte 270 Meter zur Kirchturmspitze emporlief und der Stadt den Klang ihrer Glocken zurückgab, die die Nazis in den Pilsner Rüstungsbetrieben einschmelzen ließen, trug sicher dazu bei, die Bevölkerung für die Welt des Ur-Zirkus zu begeistern.
Dafür haben die Organisatoren der Kulturhauptstadt das Beste ausgesucht, was Zirkuskunst derzeit zu bieten hat: Acht Companien, keine der anderen ähnlich, verspricht das Programm, jede ein Unikat und unwiderbringlich, jede in erreichbarer Nähe und darüberhinaus für jedermanns Portomonnaie erschwinglich. Die Manegen werden in je einem anderen Stadtteil von Plzen aufgebaut und die Herzen aller Kinder mit Phantasiefutter bis ins hohe Alter versorgt.
Getroffen von Echtheit und Nähe, wünscht man sich, lieber als Schräubchen in der Werkzeugkiste der Techniker mitzureisen, statt als Bürgerleiche ins Geschäftsleben zurückzukehren. David Dimitri, der nach der Eröffnung in einem kleinen, weißen Zelt auf dem Marktplatz als »L’homme Cirque« auftrat, gelang es augenblicklich, jeden Zuschauer zu verführen: mit Laufbandjogging, während er versucht, sich die Schnürsenkel zu binden; mit einem Pauschenpferd-Galopp tscherkessisch reitend, mit einem Sprung-ins-Nichts-Brett, auf das nur plumpe Säcke fallen; auf einem Hochseil Salto springend und dabei Akkordeon spielend, und schließlich als menschliches Wurfgeschoß, abgefeuert aus einer Kanone. Das Publikum liebt all das und den Clown dazu und damit es nicht am Gradin anklebt, lockt Dimitri die frisch Verliebten in das längst vergessene Draußen, während er durch ein Loch in der Zirkuskuppel verschwindet. Das Publikum folgt ihm, sieht, wie er in den Himmel wandert, um oben angekommen, das Idiotischste, was dem Publikum jetzt einfällt, zu erwidern: er fotografiert die Menge, die ihm ein Lebewohl zuwinkt und auf seinen Abstieg wartet, etliche Pilsnerinnen harren bereits mit dem Signierstift, aber der Artist schüttelt den Kopf und läuft strahlend davon, damit er neue Zuschauerherzen gewinnen kann.
Die Compagnie-Fusion »Baraque-Trottola« zeigt, daß betriebliche Verschmelzungen zur Sublimierung aller (Fähigkeiten) führen können. Wir schauen aus höfischer Perspektive - die Manege wird von steil ansteigenden Rängen umringt - hinab in das Innerste der Welt, in der sich schräge Figuren gegenseitig bändigen. Jeder ist des anderen Dompteur. Fünf Aufschneider (Matamore) lassen das Original des italienischen Jahrmarkttheaters aus dem 15. Jahrhunderts wieder auferstehen, doch es wirkt nicht anachronistisch: Ein zarter Papier-Pinocchio (Mads Rosenbeck) wird von Nigloos Peitsche amputiert und bekommt einen Besen als Prothese durch den Leib gerammt. Ein sportlicher Dummie verdreht sich an der Stange, ein Torero hörnt zwei Pistolen. Pierrot (Titoun) entpuppt sich als äquilibrierender Teufel, der Regisseur des Ganzen heißt Nicotin und Bonaventure und Branlotin liefern sich Gefechte im Beckett-Format.
Sollten die Hauptstadtgelder reichen - das Pilsener Budget wurde kurz vor der Eröffnung beschnitten - kann man sich die “Geometrie der Gefühle” des Psirc-Acrometria im April und die verfahrene Hochzeitsreise des Cirque Altei im September anschauen. Unter Dach und Fach bleiben diverse Ausstellungen und das für September vorgesehene Theaterfestival im betonneuen Theater, das einem gestrandeten Containerschiff mit Schweizer-Käse-Bug gleicht.
Und versäumen Sie nicht die Hommage an den philantrophischsten aller Puppentrickfilmer, Ji?í Trnka, wenn Sie für figurale Metaphern etwas übrig haben. Als Schöpfer der Schwejkpuppe, preisgekrönter Animationsfilmer, Bildhauer und Maler hat Trnka eine tief-beseelte, stilistisch vielseitige Figuren-Welt erschaffen, die ihn mitnichten zu einem tschechischem Walt Disney macht. Seine Puppen sind keine schabloneske Sadisten, sie verköpern etwas zutiefst Humanes: Großherzigkeit.

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