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Deutungsoffen

Die Gemeinde Troebitz begeht den 70. Jahrestag der Befreiung des „Verlorenen Transports“ durch die Rote Armee

Am 23. April 1945 erreichte ein mit weißen Tüchern verhangener Zug bestehend aus 45 Güterloren und knapp 2400 jüdischen Häftlingen die Gemarkungsgrenze von Tröbitz in der Niederlausitz. Die Insassen des Zuges waren völlig entkräftete Geiseln, die die Nazis als Faustpfand in möglichen Verhandlungen mit den westlichen Alliierten in Rechnung stellen wollten. Der Zug verließ als letzter von drei Transporten das sogenannte “Aufenthaltslager Bergen-Belsen”, das vor allem jüdische Familien mit “Ausländerzertifikaten” und zivilem Sonderstatus konzentrierte.  Infolge des Befehls zur Auflösung der frontnahen Konzentrationslager im Dezember 1944 verschlechterte sich ihre Situation umgehend, da die Explosion der Häftlingszahlen die Überlebenschancen aller kappten. Der Lagerkommandant Josef Kramer, zuvor Auschwitz-Birkenau, rapportierte dem Inspekteur der Konzentrationslager: “…Wie schon beschrieben ist der tägliche Anfall an Toten 250 – 300. Von dem Zustand der eingehenden Transporte aus dem Osten kann man sich am Besten eine Vorstellung machen, wenn ich mitteile, daß einmal bei einem Transport mit 1900 Häftlingen über 500 Tote mitkamen.“1
Anfang April 1945 begann die SS das Lager zu räumen. Etwa 6.700 Häftlinge wurden zur Rampe getrieben: „Ein Haufen ‚Muselmänner’, ausgezehrte Wesen, die ihre letzten Wege gehen. Sie gehen in Fünferreihen, meist Arm in Arm. Wenn sie einander loslassen, fallen sie um. Vorneweg marschieren die Stärksten, dann kommen die Schwächeren, dann die Noch-schwächeren, dann die Noch-viel-schwächern und am Ende irren jene herum, die nicht mehr weiter können. Auf der Suche nach einem Körnchen gräbt hie und da einer mit seinen knochigen Fingern zwischen den Steinen. Und wenn diese vorüber sind, kommen die Leichen. Die liegen natürlich auf dem Weg. Und nach den Leichen kommt ein neuer Transport“, schreibt Abel Herzberg in seinen Erinnerungen.2
Drei Züge verließen Bergen-Belsen Richtung Norden, um die Front zu umfahren. Der Erste wurde nach einer siebentägigen Fahrt von amerikanischen Truppen befreit. Der Zweite erreichte nach elf Tagen das Ziel: Theresienstadt, der Dritte änderte die Fahrtrichtung, geriet zwischen die Fronten und blieb nach dreizehn Tagen auf einem Nebengleis bei Troebitz liegen. Die Bewacher der SS, die den Zug schon vorher zunehmend sich selbst überlassen hatten, suchten das Weite. Die Häftlinge glaubten sich längst verloren. Doch der “lost transport” sollte Geschichte schreiben.
Am frühen Morgen des 23. April öffnete die Kavallerie der 1. Ukrainischen Front den Geisterzug. Der Geschützdonner war verstummt. Die Türen wurden aufgerissen. “Der Anblick der Soldaten belebte und befreite uns von der Lethargie, der wir schon so lange verfallen waren.”, kommentiert der Franzose Jaques Sorel die Befreiung, hingegen ein anderer Häftling den “Kosaken” einen Überfall attestiert: “Sie fielen über die Gefangenen her, die halb im Schlaf waren, durchsuchten Taschen, zogen Ringe von Fingern und Uhren von Armgelenken. […] Das war unsere Befreiung gewesen.“3
Die sich widersprechenden Erinnerungen der Zeitzeugen veranschaulichen das Chaos der folgenden Tage. Auf Anweisung der Roten Armee suchten die Häftlinge Unterkunft in den Häusern der nahegelegenen Dörfer Tröbitz und Schilda. Mehr als 2.000 Elendsgestalten trafen auf etwa 700 Dorfbewohner und 300 Flüchtlinge aus den Ostgebieten: „Alles wurde gestürmt: Bäckereien, Lebensmittel- und Schuhgeschäfte, Privathäuser. Kein Keller, kein Stall blieb verschont. Wie verrückt schleppte man alles auf die Straße und stopfte sich ungeheure Massen von Nahrungsmitteln in die Bäuche […] Kühe wurden aus den Ställen herausgezerrt, Ziegen und Kaninchen geschlachtet. Hühnern drehte man den Hals um – überall, hier und da. Die ungarischen Frauen nahmen sogar Geschirr und Teller oder anderes total Verrücktes an sich“, erinnert sich Charles Hess.
Die Befreiten brachten die Nahrungsmittel zum Zug, um ihre Angehörigen und Kranken zu versorgen. Nicht alle Befreiten verließen den Zug, viele blieben in den Waggons, weil sie keinen Platz im Dorf fanden. “Der Zug war unser Zuhause. Er war der feste Punkt in einer schwankenden Welt” (Werner Weinberg. In: Wunden, die nicht heilen dürfen). Auf Anordnung der Sowjetarmee wurden die Schwerstkranken am 26. April zum ehemaligen Zwangsarbeiterlager „Nordfeld“ gebracht, die Baracken notdürftig gereinigt und als Lazarett unter Quarantäne gestellt.
„Inzwischen hatte sich eine große Anzahl deutscher Frauen bereit gefunden, uns zu helfen. Ich war überrascht, welche Kräfte diese Frauen besaßen und wie hart sie anpackten. Von morgens bis abends schoben sie auf Karren und Wagen Kranke und deren Gepäck über den 2 km langen, tiefen, staubigen Weg nach dem ‚Krankenhaus’ […] Schwierig war die Versorgung mit Nahrungsmitteln, die Russen wussten augenscheinlich mit den Überlebenden dieses ‚Totenzuges’ nichts anzufangen, doch nach drei Tagen waren sie zumindest in der Lage, täglich eine warme Mahlzeit auszugeben.“ 4 Unterstellt damit Renata Laquer den “Russen” mangelnde Bereitschaft, angemessen auf die katastrophale Situation zu reagieren, obgleich der Krieg noch tobte?
Nachdem die Vorräte des Dorfes aufgebraucht waren, organisierte ein von der sowjetischen Militärbehörde bestätigtes jüdisches Komitee die Verteilung der vom Militär beschafften Lebensmittel. Jüdische Ärzte und Pflegekräfte aus dem Dorf leisteten Erste Hilfe. Zeitweise stand das gesamte Dorf unter Quarantäne. Die später hinzugekommenen sowjetischen Ärzte konnten jedoch nicht verhindern, dass weitere 320 Menschen, darunter 26 Dorfbewohner, an Typhus und anderen Erkrankungen starben. Knapp 150 waren bereits auf dem Transport gestorben. Die Toten bestattete man in Gemeinschaftsgräbern in und um Tröbitz. Bis Mitte August konnten alle Überlebenden in ihre Herkunftsländer zurückkehren.
Der Rettungseinsatz der Gemeinde Troebitz unterscheidet sich signifikant von anderen Orten, in denen Deutsche Hilfe verweigerten oder aktiv an der “Endlösung” mitwirkten.
Anläßlich des 70. Jahrestag der Befreiung des „Verlorenen Transports“ wird dieser Geschichte eine Dauerausstellung an der jüdischen Friedhofsmauer gewidmet, die insbesondere die widersprüchlichen Erinnerungen dokumentiert und damit die Bewertung dieses erinnerungkulturell bedeutsamen Ereignisses offen läßt. Politische Voreinstellungen werden je nach Lesart bestätigt, die enorme Dramatik und das Konfliktpotential im Dorf lassen sich nur erahnen.

23. April 2015, 14 Uhr 30, Einweihung der Informationsstelen des “Lost Transport” vor dem jüdischen Ehrenfriedhof in Troebitz


[1]Schreiben des Lagerkommandanten Josef Kramer an den Inspekteur der Konzentrationslager, Richard Glücks, über die Zustände im Lager Bergen-Belsen, 1. März 1945, abgedruck in: Landeszentrale für politische Bildung Niedersachsen (Hg.): Konzentrationslager Bergen-Belsen. Berichte und Dokumente. Hannover 1995, S. 160-163, hier S. 161 f..

[2] Abel Herzberg, Amor Fati, S. 80.

[3] Werner Weinberg, Wunden, die nicht heilen dürfen, S. 116.

[4] Renata Laqueur, Bergen-Belsen Tagebuch, S. 136.