logo_su_tiqqun

  z u r ü c k  z u m  
v e r z e i c h n i s   

 

Unendlich beunruhigt

Die Galerie Weißer Elefant widmet dem Philosophen Emmanuel Lévinas eine Ausstellung

Mit Stecknadeln und Tesaband hat Aurélie Pertusot die Umrisse einer typisch Altberliner Fensterfront auf die Wand «gezeichnet«. Die Rahmen der Fenster sind dünn wie Papier. Die Wand dahinter wirkt offen. Ich möchte hinausschauen, obwohl die Wand ein Fenster ist. Der unsichtbare Protagonist der Ausstellung, der Emmanuel Lévinas, dessen 20. Todestag sich am 25. Dezember jährt, hätte dieser Wahrnehmung widersprochen oder auch nicht. Die Ausstellung, die sich der ethischen Dimension im Kunstwerk annimmt, thematisiert die «Spur des Anderen, das sich im Antlitz manifestiert, welches sein plastisches Wesen durchstößt wie ein Seiendes, das ein Fenster öffnet.« Zwölf junge Künstlerinnen offenbaren dieses Andere als Geste der eigenen Befindlichkeit: Alice Baillaud, Christine Berndt, Ilona Kálnoky, Astrid Köppe, Edith Kollath, Nana Kreft, Pia Linz, Charlotte Perrin, Aurélie Pertusot, Lilla von Puttkamer, Anne Rinn und Marcelina Wellmer.

Ihre Arbeiten illustrieren nichts. Der Berliner Galerist Ralf Bartholomäus hofft, dass der Betrachter »die Wachheit einer unendlichen Beunruhigung« erlangt. Diese Beunruhigung soll die Sicht der Anderen auf das Andere bewirken. Das klingt simpel, ist es aber nicht. Dem Extremhumanisten Lévinas galt das Antlitz als unendliche Spur der Nähe. Ein Gesicht geht immer vorüber, es ist sozusagen ein Vorbeigehen, aber es bleibt als Spur ein Zeugnis.

In den ausgestellten Arbeiten- – Kalligrammen, Zeichnungen, Filmstills, Fotografien und Installationen - äußert sich diese Spur als Verlorenes. Das Gesicht zeigt sich nicht mehr. Es ist verhüllt abwesend oder in einen anderen Zustand übergegangen, es hat die Gestalt geflügelter Worte angenommen, wie bei Alice Billard, die Doppelwörter in eine höchst präzise Bildsprache übersetzt. Die Nähe als Spur wird sichtbar als gehauchte Luft im Videoloop von Edith Kollath beziehungsweise als Atem hinter Glas fixiert. In Lilla von Puttkamers Malerei gruppieren sich winzige Wesen in der Leere landschaftlicher Weiten, Christine Berndt filmt die Schatten der in Beton gegossenen Millionen Toten, die als aschgraue Blöcke das Gedächtnis der Besucher des Berliner Holocaustdenkmals beunruhigen sollen. Die meisten Arbeiten überhöhen das verborgene Gesicht : in Architektur, in Pflanzen, im Dazwischen. Das Gesicht an sich ist verschwunden. Berührung findet nicht mehr statt.

Der Ausstellungsmacher hat sich für objektbezogene Formsprachen entschieden, um den philosophischen Stoff «mit einer neuen Identität zu bekleiden«. Der schwer zugängliche Philosophen soll dem Vergessen entrissen werden.

Emmanuel Levinas wurde am 12. Januar 1906 in Kaunas, Litauen, geboren. Mit 18 Jahren immigrierte er nach Frankreich, »weil es Europa ist«, um Phänomenologie zu studieren. Im mystisch-jüdischen Denken verwurzelt, deutete Lévinas Philosophie als etwas, dem eine präphilosophische Erfahrung vorausgeht, etwas, das auch außerhalb philosophischer Lehrsätze gilt. 1928/29 setzte er seine Studien bei Husserl und Heidegger fort. Er übersetzte Husserl und arbeitete bis zum Kriegsausbruch an einem Pariser Ausbildungsinstitut für jüdische Lehrer. 1940 gerät er in deutsche Kriegsgefangenschaft. Seine in Litauen verbliebene Familie wird bis auf seine Frau und sein Kind von den Nazis ausgelöscht. Er beschließt, nie wieder deutschen Boden zu betreten. Nach dem Krieg bekleidet er diverse Professuren, promoviert und vollendet seine Hauptschriften. 1973 wird er an der Sorbonne emeritiert, er publiziert weiter und verstirbt 1995 in Paris.

Lévinas hat das Postulat «die Wurzel für den Menschen ist der Mensch selbst« (Marx) versinnlicht und dem geisteswissenschaftlichen Kanon eine Philosophie der vorzeitigen Ausgesetztheit an den Anderen in Art und Weise eines Empfangens hinterlassen. Auf die Krise des neuzeitlichen Humanismus, die mit der Vertreibung des Subjekts aus den Humanwissenschaften einhergeht, antwortete Lévinas mit der Formulierung einer Conditio Humana, deren Ort die Berührbarkeit und Verletzlichkeit des Menschen bleiben sollte und deren Bestimmung die Verantwortung ist. Diese Bedingung, für-den-Anderen-zu-sein hat Levinas ontologisch am radikalsten fomuliert.
«Antlitz ist Not… Es ist nackt…«. Die Menschheit, die aus Milliarden Individuen besteht, die sich mittels Differenz kultiviert hat, besteht demzufolge aus Billionen Gesichtern. Jeder Mensch hat mehrere und sie begegnen sich andauernd, diese Gesichter, um sich wieder aus dem Weg zu gehen, um sich Platz zu machen, um sich zu verbergen, denn ein Gesicht ist anfällig. Es will sich dem anderen nicht zu sehr aussetzen, und abnutzen tut es sich sowieso. Bei einigen weitet es sich oder verzieht sich, es bricht zusammen, wird schäbig, stumpf oder traurig. Im öffentlichen Verkehr lassen sich Physiognomien am besten studieren, da sind sie aufgereiht, schauen aneinander vorbei oder durch den anderen hindurch und oft wirken sie zugezogen wie Reißverschlüsse, sie klammern sich an Displays, Fakten und Masken. Im Alltag klammern sich die Augen an die Luft oder ans Smartphone, niemand wagt, die Trennlinien des Seins, das sich hier zusammendrängt, aufzuheben, um sich nicht entblößen, denn das wäre Berührung.

Berührung ist ein immer wiederkehrender Terminus bei Emmanuel Lévinas. Die Technifizierung des Alltags, die transhumanen Apologien, das andauernde Kommunizieren mit unsichtbaren Dritten und die Abrichtung des Menschen zum sinnentleerten Nutzwert, schreien geradezu nach einer Reminiszenz für diesen verschollenen Philosophen, um ihn soweit als möglich und so verständlich als nötig zu Wort kommen zu lassen. Denn Menschlichkeit ohne Nähe, Berührung und Antlitz taugt nichts.

Spuren des Anderen
bis 19.12.2015
Galerie Weisser Elefant
Auguststraße 21
10117 Berlin
Di - Sa 13 bis 19 Uhr