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Ich bin überzeugt, daß Pasolini auf mich wartet

Der Darsteller des Accattone, Franco Citti, ist 80-jährig in Fiumicine gestorben.

Lange bevor Pier Paolo Pasolini seinen Hauptdarsteller Franco Citti fand, nahm er ihn in seiner ersten, großen Erzählung vorweg, in der Begegnung mit einem Jungen, dessen maliziös komplizenhafter Gesichtsausdruck dem jungen Dichter unweigerlich gefiel: »Er besaß eines jener Gesichter, deren Zauber in einer gewissen vermuteten Gier oder Verschlagenheit liegt, die sich mit einem Hauch reizvoller Ironie mischt«, schrieb er in «Amado mio«, einem Roman über seine Jugend in Carsarsa an der norditaliensichen Adria.
Franco Citti, den er zum ersten Mal in einer Pizzeria  traf, muß ihm wie die Inkarnation jener Landschaft vorgekommen sein, in der Pasolini aufgewachsen war: «Casarsa…weiß und trocken wie der Kalk«. Der 1935 in Fiumicine bei Rom geborene Citti arbeitete als Maurer auf dem Bau, verputzte die Fugen der römischen Sozialbauten, weißte mit seinem Vater die Wände späterer Kommunalwohnungen, als ihn sein Bruder Sergio mit Pasolini zusammenbrachte. Anfangs hielt Franco den «No-Scrittore« , wie ihn Sergio nannte, für einen irgendeinen «Amice mio« , aber Pasolini wußte von Anfang an, daß er die ideale Verkörperung für sein erstes Filmprojekt, »Accattone« gefunden hatte. Citti wirkte wie ein «gedemütigter Welpe mit den Augen verzagter Furcht und schüchterner Boshaftigkeit, die immer auf Sprung ist, immer bereit zu kämpfen, zu verteidigen und anzugreifen, um eine intime Unentschlossenheit zu schützen«,sagte Pasolini,für den »Accattone« und Franco Citti «ein und derselbe Tropfen Wasser« waren. 
Der Produzent Alfredo Blini, der sich der Produktion annahm, nachdem die Filmcompany Frederico Fellinis aufgrund der Laienbesetzung ihre Zusage zurücknahm, akzeptierte Pasolinis Casting, bestand aber darauf, Francos Stimme von einem Profi synchronisieren zu lassen. No matter. Wichtiger als die schwache Stimme war Francos sprechendes Gesicht, das in Anlehnung an Gemälde von Masaccio in beeindruckenden Close-ups in Szene gesetzt wurde. Accattone, der qualvoll Getriebene, läuft mit dem Schatten der Kamera oder auch gegen das Objektiv an, das ihn filmt. Er konnte nicht spielen, aber die Kamera liebte ihn.
Die  Wirkung war durchschlagend. Und nicht nur das. Im Vorspann dieser Passionsgeschichte, die in den römischen Slums der 60er Jahre spielt, ertönt der Schlußchor aus Bachs «Matthäus-Passion«. Da ist die Apotheose des Dramas bereits beschlossene Sache. Ein Zuhälter stirbt. Niemand weint. Stattdessen trauert ein Chor, dessen Klage einem anderen galt.
Bach zum Barackenmilieu erklingen zu lassen und Dante-Verse in den Mund von Lumpenproletarien zu legen beschwört eben nicht die schneidige Enteignung von Kultur, sondern die Aneignung des Anspruchs, unter Menschen zu sein. Denn als solche nahm Pasolini die «Borgati« wahr.
Doch der Leidensweg Accattones kennt keine Regeln der Einfühlung, des Mitleids, der Katharsis. Es wird nur das Leben im Zeitraffer der Zufälligkeit gezeigt. Accattone lebt ein erdrückendes Leben. Citti hält in vielen Bildern seinen Kopf gesenkt, als trüge er zu schwer an ihm. Als Accattone stirbt, sagt er: «Mo sto bene. Es geht mir besser.« Ein tragischer Witz zur zweiten Geburt des Kinos, die wir Pasolini verdanken, dessen kinematographisches Verdienst darin besteht, nicht dem pittoresk Vertrauten Bestätigung im Bild zu geben, sondern dem schroff Unvertrauten die Achtung wiederzugewinnen.
Der zarte Ragazzo Franco Citti hat kraft Pasolinis Güte die ihm vorenthaltene Achtung bekommen. Er bewältigte 55 Rollen, ließ sich für rund 40 Filme verpflichten, und schrieb, ohne es zu wollen, Filmgeschichte. In seiner 1992 erschienenen Biographie »Vita di un ragazzo di vita« resümiert er den ihn verfolgenden Mord an Pasolini wiefolgt: «Als Pasolini starb, begriff ich, dass der beste Teil meines Lebens vorbei war, und ich begann, mit ihm zu sterben. Ich bin überzeugt, daß er auf mich wartet.«
Franco Citti starb am 14. Januar in Rom Fiumicine. Er wurde 80 Jahre alt.