logo_su_tiqqun

  z u r ü c k  z u m  
v e r z e i c h n i s   

 

Lieber eine rauchen

Mit 50.000 Anschlägen bilanziert das Schwarzbuch der Lyrik das Unbehagen an der Welt

Ein jeder planscht in seinem Teich: die Konfektionisten der eher monokulturellen Auslese des «Jahrbuchs der Lyrik 2015« paddeln im Kreisverkehr lyrischer Indifferenz. Und die Herausgeber der gegenliteraischen Inventur schwimmen ihnen trotzend entgegen. Das jüngst erschienene »Schwarzbuch der Lyrik 2016« demonstriert, daß die subventionierte Biopoesiecompany keine Betriebsstörungen von Seiten aufsässiger Lyrikproduktion befürchten muss. Weder im Guten noch im Schlechten.
Mit dem ergänzenden «Schwarzbuch der Lyrik 2016« bleibt das schwarze Schaf der Gegenwartslyrik dennoch Schaf, daran ändert auch der pinkfarbene Anstrich des Buchcovers nichts, und das Riesenknie einer ungetünchten Frau, gezeichnet von Jörg Waehner, macht diese Gegenlyrik keineswegs sinnlicher. Trotzdem will die alterne Gegenliteratur, mit Brecht gesprochen, den Gebrauchswert von Gedichten erhöhen. Doch der Erste, dem ich das Schwarzbuch zeigte, der Artists-Coach Marcel Hager, schlug das Buch auf und wieder zu, ließ es an Ort und Stelle liegen, um eine rauchen zu gehen. Er hatte die Seite 89 erwischt. Leider ein Griff in die Phantasielosigkeit: «Textpolizey. Mond geht auf / Sommernacht / Katzen schreien greifen sich an / Argumente auf dem Balkon / Höschenregen im Innenhof / lau lau lau ist die Luft…« Das liest sich nicht wie ein Coup, für den ich das Buch ungeprüft hielt. Zumal die letzte Lesung mit Katrin Heinau, Lütfiye Güzel, Lutz Steinbrück und Hermann Jan Ooster viel mehr hergab als die von ihnen ausgewählten Gedichte. Das auditive Format steht ihnen besser als die Beschränkung auf ein, zwei Gedichte, deren Horizont meist mit der Vernehmung des Ich endet.
Die Stimmführungen der Anthologie lassen manchmal auf halbtote Autoren schließen, aber nicht auf eine zündelnde Pegasusflotte. Und ob das von Kristian Kühn im Interviewanhang lancierte Reinheitsgebot den alternden Kahn rettet, sei dahingestellt. Im Gespräch mit Kai Pohl sagte Kühn: «Politische Aussagen brauchen klare Formulierungen. Diese Aussagen sind im Grunde unlyrisch, das ist viel schwerer umzusetzen.«Ja, ist es das? Oder sind es Versuche, dem ansonsten risikoarmen Leben eine Bedeutung zu geben? Handelt es sich um den Versuch, den subliteraischen Verdienstleistern eine auffallend stärkere Positur im Druck zu verschaffen? Denn die vier Herausgeber sind zugleich Jury und beanspruchen ein Fünftel der Druckseiten. Nun denn: «Immer wieder sind wir die Sache / auf die wir hereinfallen / das alte Subjekt, die Nummer mit dem / Einen, Unverwechselbaren…«, notierte Gerhard Falkner im seinem Gedichtband «Ignatien« und reklamiert damit auch den Betrug an sich selbst, das Bedeutende und seine Bedeutung zu überschätzen.
Die «50000 Anschläge« des Schwarzbuchs der Lyrik geben sich eine Bedeutung, die sie im Blattumdrehen verspielen. Eigenlob lackiert die Positionierung am Rand des Literaturbetriebes, Ankündigungen jubilieren vom hohen Roß: «Das Schwarzbuch ist schön geworden, könnte einschlagen, ein Hit werden« - bemerkt ein langjähriger Mit-Betrachter der Szene. «Das riecht mir schon/nach Secession/Beim Liebermann/fing ’s auch so an«, hofft HEL Toussaint, dessen Reime dem Sprachmaterial die letzte Grille austreiben, aber so soll es sein:«die Verwerfungen sollen ein linguistisches Erdbeben auslösen. Dann wird das Wort, mit dem alles anfing, sein gerechtes Ende finden.«
Wünschen sich die Herausgeber des Schwarzbuchs einen öffentlichen Dreifrontenkrieg zwischen Realverdichtern, hochdotierten Natur-und Konsensdichtern und marktgefällig kalauernden Surf-und Slampoeten? Dann sollte man die Konfrontation mit Umsicht vorbereiten und Aktionismus unterlassen, damit die Anerkennung einer literaischen Sinntransformation forciert werden kann und sich nicht ad hoc demontiert um den Preis der Verballhornung einer ästhetischen Analyse, die «das Alltagsbewußtsein zurechtrückt mittels Irritation«, so Mitherausgeber Kai Pohl. Letztere ist dem Leser sicher: Irritation und dadaistisches «Pnüngse örken« von Ralf S. Werder, «Mörtel im Ohrstecker für Männer in Ausbildung« von Bert Papenfuß, «…hecklig kocht mit stihl brigitte diät…« aus der Feder des Antikommunisten Hermann Jan Ooster, «im halben gespräch kotzt deine / ganze scham ins seichte fahrwasser / der alltagsangst« von Lilly Jäckl oder «…Salamandra, Sorriso, Sackamatz…« von Ann Cotten. Es gibt Reinwaschungen der Beliebigkeit mit den Mitteln der Kapitalismuskritik, Hermetisches, dezentes und avanciertes Sprechen, das «im Einklang mit der Absicht, die Stimmen der Vergangenheit zu brechen« (Katja Horn) oft dem Duktus der Achtziger folgt: Turbobloßstellungen gegen den Turbokapitalismus von Clemens Schittko, aufmüpfig Seismographisches von Jannis Poptrandov, erhaben simple Cut-ups von Kai Pohl, aus Bildnähten platzende Listen (S.U.) und viel kreativer Wahnsinn könnten den angepeilten Leser, unter anderem den Mob, der zwar zum Kotzen ist, aber ein Recht hat, Gedichte zu verstehen, wie Florian Günther sagt, der aber nicht vorkommt, wieder verprellen oder oder in abwinkende Ratlosigkeit stürzen, weil die Verständlichkeit einer sottolyrischen Verständigung weichen mußte, weil man den poetischen Klang scheut wie der Haß das Schöne.
Das Unbehagen an der Welt und an sich selbst mausert sich. Das reicht aber nicht. Zumal Inhalt und Anliegen einander aufheben mittels Rückversicherung auf dem Buchdeckel, der einen Befund André Hattings im Deutschlandradio Kultur am 11. Mai 2015 zitiert: “Ich muß es ganz offen sagen, ich bin enttäuscht, Ich hatte von diesem Jubiläumsband viel mehr erwartet. Ich finde, es ist alles nicht gelungen. Es gibt furchtbare Beispiele von bemühter Poesie… bin schwer enttäuscht. Vielleicht haben die Herausgeber ja Pech gehabt mit dem, was sie da bekommen haben, oder vielleicht haben sie einfach danebengegriffen….”.
Eine längere Suche im Bestand der unbestreitbar relevanten Gegendichtung, die Infragestellung des den Literaturbetrieb kopierenden Auswahlverfahrens und eine Düngung der seit Jahren mit Nachsicht goutierten Auffführungssorten täte not, damit man nicht “mit dem Gedicht zur Wand […] die Einschüsse der Sprache “ (Gerhard Falkner) beanstanden muß.

Epidemie der Künste (Hg.): Fünfzigtausend Anschläge. Schwarzbuch der Lyrik 2016. Distillery, Berlin 2016, 131 S., 16 EuroHerausgegeben von der Epidemie der Künste. Mit Gerd Adloff, Michael Arenz, Christoph Bruckner, Ann Cotten, Gerald Fiebig, Lütfiye Güzel, Jonis Hartmann, Katrin Heinau, Katja Horn, Lilly Jäckl, Angelika Janz, Alexander Krohn, Jan Kuhlbrodt, Gregor Kunz, Robert Mießner, Pega Mund, Niklas L. Niskate, Hermann Jan Ooster, Bert Papenfuß, Martin Piekar, Kai Pohl, Jannis Poptrandov, Bertram Reinecke, Clemens Schittko, Sigune Schnabel, Jürgen Schneider, Kristin Schulz, Christine Sohn, Michael Spyra, Lutz Steinbrück, Brigitte Struzyk, Su Tiqqun, HEL Toussaint, Tom de Toys, Joerg Waehner, A. J. Weigoni, Ralf S. Werder, Sebastian Wippermann.