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Zu kleine Sprengkapseln

Die Ankündigung der Literaturwerkstatt Berlin tönt hochwabernd allgemein: Gerhard Falkner und die Künste. Lesung und Gespräch

Dem PR-Texter der LWB würde ein Fern- oder Nahstudium an einer Creative Writing School nicht schaden. Nachdem er aus dem Überangebot an Falkner-Besprechungen ein 800-Zeichen-Elaborat herausgefiltert hat, entfährt ihm ein sprachliches SuperILLU : «Gemeinsam mit Kompagnons aus der Musik, aus dem Sound- und Filmbereich zeigt er Filme, Soundprojekte, improvisiert mit Johannes Malfatti und liest neue Gedichte. [Danach] spricht Barbara Wahlster mit Gerhard Falkner über die Grenzen der Sprache und über die poetische Kraft der Künste.« Das klingt, als würde ein Sinnproduktionsseminar im Sandkasten einer Kinder-Uni stattfinden. Obwohl die Programmtexte der Literaturwerkstatt vor großkalibrigen Aufwertungen ihrer Oberligisten nur so strotzen.
Wie dem auch sei, das Schwergewicht des omniprobaten, poetischen Tons, Gerhard Falkner, wird in der Literaturwerkstatt den multimedialen Klang eines kulturellen Dilemmas erproben: «Ich geteilt durch Null / das ist mein heutiger Kurswert.« Natürlich ist Falkner keine Null. Er liiert kybernetisches Irrsinnsvokabular mit entstellten Wörtern, «bis endlich die Seele in See sticht / In Zeitlupe / Bis endlich auf dem Zehnmeterturm oben / das winzige Ich sich als Seele entpuppt / und ansetzt zum Kopfsprung«. In Anbetracht der Abspaltung des Ichs von seinem Schutzorgan, der Seele, führt Falkner Ich und Seele wieder zusammen. Daß keines von beiden übrig bleibt, wenn es den Kopfsprung in die vierte und fünfte Industrialisierung riskiert, läßt er offen. Trotzdem leistet er Widerstand. Die vergällten Wörter «Seele«, «Schön«, «Reigen« und anderes «entwindet er mit Verve ihrer Vernutztheit, so dass sie wieder zu Kräften kommen können«, so Peter Geist 2005 in seinem hochgestimmten Falkner-Porträt.
Falkner reklamiert die sich auflösende Welt des Individuums, das den Grund seiner Existenz verliert, er trotzt der Smilisierung von Sprache mit geschliffenen Prosodien ohne Zynismus und Hass, um «Poesie als Existenznotwendigkeit gegen die Kältewellen einer Gesellschaftsformation zu verteidigen«, so Peter Geist.
„Die Warenscheinlichkeit unserer Gesellschaft und die Verschleierung der Herrschaft ist zu infam, als daß sie sich in einem Spot auf Supermärkte ‚erkenntlich’ zeigen würde. (...) Jede Kunst, die meint, es genüge, abzubilden oder zu wiederholen, was auf der Hand liegt, übersieht neben ihrer ostentativen Belanglosigkeit ihr affirmatives Agens. Die ‚ungekünstelte’ Sprache ist eine beherrschte Sprache.« sagte Falkner in seinem Debütband 1981 «so beginnen am körper die tage«. Seiner gegen den Strom rudernden Poetik ist er treu geblieben.
Der Titel des 2015 erschienenen Gedichtbandes «Ignatien - Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs« deutet an, daß nach 35 Jahren das bejahte Treibende, der lyrische Kraftakt, vom Grat der sprachlichen Beherrschung zu stürzen droht. Jedes der 20 Gedichte, die den Ausbruch eines unkontrollierbaren Kollers mit Hilfe eines hochverdünnten Giftes, der Ignazbohne, sprich einer Ignatie, verhindern sollen, endet mit einem hochpoetischem Amalgam, einem Málagma: man wird weich, schmilzt dahin, obschon die Gedichte mitunter schroff beginnen und der Textrumpf zerrissen wird.  Vermutlich Absicht. Auf die finale Vollkommenheit ist Verlaß: «Unser glücklichster Sommer wird / wenn das so weitergeht auf Stelzen an uns vorbeitanzen / wie eine verstaubte Zirkusnummer«.
Mit wohltuend schöner Stimme macht Falkner auch den Fluß störende, faustische Plattitüden wieder wett: « Ist hier das Jetzt denn endlich einen Moment lang ewig?« Das neue Wrackschiff  der selbstverbannten Kulturspelunke Rumbalotte gab auch flachen Sprachmanövern die volle Brise. Und an den zerschürften Wänden der subkulturellen Schank- und Wankwirtschaft fand die beklemmende Videoprojektion von Reynold Reynolds, »der letzte Tag der Republik«, einen angemessenen Untergrund, der die Ungeheuerlichkeit der im Zeitraffer gezeigten Palast-der-Republik-Demontage verstärkte. Der neue Aufführungsort aufrührerischer Literatur ist selbst ein Paradebeispiel dafür, wie der Westen den Osten abriß. Diesen Fakt hat Gerhard Falkner in ein filmbegleitendes Gedicht einfliessen lassen, «kleine Sprengkapseln«, wie er sagt, um «die deutsche Neigung, immer das Kind mit dem Bade auszuschütten«, bloßzustellen.
Mit seinem neuen Projekt in der Literaturwerkstatt passiert Falkner den Seitenwechsel zwischen Etablissement und Literaturspelunke wie Stolterfoht und CottenRink. Zwar ist er kein Ziehkind des Fördersystems, aber ohne Gütesiegel des Literaturbetriebes wären seine Einlassungen in das lyrische Gefälle nicht möglich. Insofern bleiben Falkners poetischer Widerstand und sein betriebskritischer Protest systeminhärent. Wer will schon Taschengeldentzug auf Subventionsebene.
Bleibt zu hoffen, daß uns eine neue kongeniale Produktion bevorsteht, wie die mit Yves Netzhammers kalten, artifiziellen Hohlkörperdummies (siehe Abb.) und Ann Cottens Übersetzungen ins Englische ausgestatteten «Ignatien« bewiesen haben.
In Kooperation mit Sebastian Schwesinger, Soundkünstler, und Constantin Lieb, Autor und Filmemacher, und den Remixqualitäten eines Johannes Malfatti, der die Musik für «Coca Cola Case« programmiert hat - einer entlarvenden, von der Rechteinhaberin RC Release Company für den hiesigen Youtube-Gebrauch gesperrten Dokumentation - bespielt der «Minnesänger der Moderne«, wie Kurt Drawert ihn nannte, am Montag die aseptische Famehall der Literaturwerkstatt.

Gerhard Falkner: Ignatien. Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ins Englische übertragen von Ann Cotten. Mit Filmstills von Yves Netzhammer. Starfruit Publications, Nürnberg 2014. 130 Seiten, 19,90 €.

Gerhard Falkner und die Künste
Montag 22.02.2016 - 19:00 Uhr
Literaturwerkstatt Berlin
Kulturbrauerei,
Knaackstr. 97, 10435 Berlin